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Walsers Roman
"Der Lebenslauf der Liebe"
Liebe als Hobby
Ob die Freunde des Schriftstellers ihre Freude an dem neuen Roman haben? Der Titel verspricht manches, schon auf den ersten Seiten bereitet sich Edmund Gern auf einen Seitensprung vor und bald wird eine Übersicht der aktuellen Geliebten Edmund Gerns geboten. Die Übersicht Susi Gerns folgt später.
Mit Liebe hat das Buch allerdings nichts zu tun, "Sex als Hobby. Anleitung für Senioren" sollte es heißen. - Der Titel könnte ein Signal sein, dass man den Text, wenn man die Liebe sucht, als Satire lesen soll. Aber dafür ist er nicht witzig genug. Manchmal blitzt der Verdacht auf, es könnte sich um ein Endspiel, ein letztes Glasperlenspiel handeln, die "Spielfiguren" dafür werden beschworen und vom Schach ist regelmäßig die Rede, aber die Inhalte aller Spiele wirken dürftig. Nur ein erschütternder Abschied steht am Ende von Leben und Spiel der Schachfreunde Yingling und Gern und packt den Leser.
Umfangreicher Textbrei
Die Gefühlswelt der Romangestalten ist nur ironisch zu ertragen. Als
Polemik gegen kapitalistisches Verhalten ließen sie sich lesen, aber
so simpel wie die Gerns sind die Wohlhabenden in der Regel nicht. - Mit Geld
hat das Buch zu tun, und damit, dass man mit Geld alles kaufen kann. Der Anwalt
Gern unterhält juristisch geregelt drei Geliebte, seine Frau Susi hat
für ihre zumeist jüngeren Liebhaber Salim, Shankar und Lotfi samt
den Annoncenmännern eine eigene Wohnung. Zwölf Jahre aber hatte
sie keinen Mann mehr, befriedigte sich selbst und fand in Khalil (30), dem
Freund ihrer Tochter, einen Partner, den sie (68) heiratet. Auf unterstem
Niveau beginnt die Geschichte von Sex und Hobby neu.
Fesselnde Geschichten finden am Rande des Romans statt und sind straff organisierte
Textpassagen in dem umfangreichen Textbrei, die beim Lesen aufatmen lassen.
Menschen, die schwere Schicksale haben, werden mit diesen fertig und lieben,
ohne dass sie das Geld der Gems und deren sexuelle Obsession haben. Die aus
Ostpreußen stammende Putzfrau Ottilie Oschatz, ein Parallelschicksal
zu Susi, ersticht dabei schon einmal eine Nebenbuhlerin.
Der Abstieg einer Millionärsfamilie
und ein Rest von Dialektik
Susi Gern, Jahrgang 1931, hat eine Maxime: "Ich will einen Mann für
mich oder keinen." Liebe ist darunter wohl nicht zu verstehen. Sie hat
ihren Mann am Ende für sich: als er an Parkinson leidend hilflos seinem
Ende entgegendämmert. Walser beschreibt Szenen, die zwischen Ekel und
Erschütterung liegen. Ihre Sehnsucht ist die Ordnung, die bei ihr mit
ethischen Werten wie der Gerechtigkeit zusammenfällt. Der Abstieg dieser
Millionärsfamilie ist nicht Beispiel für eine untergehende bürgerliche
Welt, da die Gerns geistig so schlicht sind, wie man es sich kaum vorstellen
kann (Susi hatte "noch nie einen ganzen Roman gelesen"); ihr Schicksal
ist eher die Warnung, um im neuen Jahrtausend oben zu bleiben, der Roman endet
Silvester 1999. Sein Happy-end ist trivial oder schockierend, je nach Lesart.
Susi Gern ähnelt einem weiblichen Hiob - auf das Thema wird mehrfach
angespielt -, denn sie erträgt alles Auferlegte. Aber Susi ist auch ein
Antihiob: Kein Schicksal oder Gott ist für sie verantwortlich, nur die
eigene Besessenheit. So weiß man wenig mit ihr anzufangen. Höchstens
eines: Walsers jüngste These ist, dass nichts ohne sein Gegenteil wahr
ist. Da hört man noch einen Rest von Dialektik heraus. Susi ist so Hiob
und Antihiob in einem, nur - wem hilft das? Nicht einmal ihr. Sie müsste
ihr Schicksal selbst zu bestimmen versuchen, doch davon ist im Roman nichts
zu hören, bei keiner Figur. Es ist eben doch nur ein Rest von Dialektik
vorhanden.
Die Genauigkeit überrascht, mit der nasse Windelhosen und Katzenfütterungen,
das "Kleine Kotzen" der Bulimikerin Susi und der nicht zu besiegende
Kaufrausch, die Fiktion vom großen Geld und Bordelle beschrieben werden.
Da wird für Gefühle und Gedanken die vollkommene Beschreibung versucht,
was bei den Gedanken einfach ist, weil die Personen wenig denken. Die Tochter
Conny ist krank und kann nichts dafür; aber warum geraten die anderen
Gerns zu monströsen Zerrbildern? Susi ist kaufbesessen, Edmund ein Sexmonster
("Rudelbumser" nennt ihn Susi) und der Sohn Andreas, unfähig
zur Arbeit und von seiner dritten Frau "durch gewerbsmäßigen
Geschlechtsverkehr" ernährt, versinkt im kriminellen Milieu und
flieht. Nichts wird in der Detailwut des Erzählers und seiner Heldin,
die man nicht trennen kann, ausgelassen; bedeutende Ideen, Lebensziele oder
Entwürfe sucht man vergeblich.
Geistlose Oberschicht
in Düsseldorf
Was der Roman leistet ist die Erhellung einer geistlosen Mittel- und Oberschicht
in Düsseldorf am Ende des vorigen Jahrtausends - der Roman spielt von
1986 bis 1999; aber auch da bleibt er nicht konsequent: Die von Walser beschriebene
Susi stürzt aus der Oberschicht in die Sozialhilfe; bedauern muss man
sie deshalb nicht. Ihre Sozialhilfe ist zu schön, ihr Leben zu dumm und
sie kennt weiterhin nur ihr Hobby: Sex. Freude macht der Roman nicht; vielleicht,
und das wäre gut, sollte er seinen Lesern auch keine Freude machen.
Rüdiger Bernhardt
Martin Walser: Der Lebenslauf der Liebe. Roman. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2001, 528 S., DM 49,80
www.neusser-monat.de (29.12.2001)