Überraschende
Wende bei Textron

Ende November überraschte die Nachricht von der Rücknahme der Schließung des Neusser Textron-Werkes (vormals Bauer & Schaurte) durch die Konzernleitung in Neuwied bzw. den USA. War bis dahin fest damit gerechnet worden, dass der Standort nicht zu halten ist, machte die Konzernleitung in der Nacht vom 27. auf den 28. November einen Rückzieher. Ob dies nur ein Tod auf Raten ist, wird die Zukunft zeigen. Erst einmal sind hunderte Arbeitsplätze an der Neusser Furth gerettet.


Betroffen und Betroffenheit

Ende Oktober teilte die Zentrale der deutschen Textron-Werke in Neuwied mit, dass Ende 2002 Schluss sein sollte mit der Produktion im Neusser Werk. Diese Nachricht schlug bei den Mitarbeitern wie eine Bombe ein, obwohl es schon Gerüchte in dieser Richtung gegeben hatte. Entsprechend wütend zogen sie gemeinsam mit Familienmitgliedern und der örtlichen SPD-Prominenz am darauffolgenden Samstag (10.11.) durch die Neusser Innenstadt. Etwas resignativ wirkten allerdings die zahlreichen mitgeführten schwarzen Holzkreuze sowie ein vorneweg getragener Holzsarg, in dem nach Ruhrgebietstradition die Arbeit zu Grabe getragen werden sollte.
Dennoch wird vom Betriebsrat mit dem Vorsitzenden Emmanuel Pantelakis an der Spitze Kampfentschlossenheit demonstriert: "Wir werden einen Sturm entfachen!".
Betroffen sind nicht nur die langjährig Beschäftigten von Jung bis Alt. Auch ca. 40 Auszubildende wissen nicht, ob und wo sie ihre Lehre beenden sollen, erden doch seit Jahren in Neuss Industriearbeitsplätze wegrationalisiert.

Überkapazitäten wegrationalisieren
Da es sich bei der Neusser Textron-Niederlassung immerhin um ein 125 Jahre altes Traditionsunternehmen handelt, nehmen die Neusser Politik und Verwaltung, aber auch die Bewohner des Viertels hinter dem Neusser Bahnhof lebhaften Anteil an der Entscheidung der US-amerikanischen Firmenleitung. Plausibel im Sinne der Kapitalmehrung legen die europäischen Verantwortlichen der Textron die Gründe für die geplante Stilllegung dar: In den Werken Neuss, Beckingen, Neuwied und Peine bestünden Überkapazitäten. Textron-Europa-Chef Peter Billmann spricht von schlechter Konjunktur, fehlenden Aufträgen, sinkenden Erträgen, internen Konkurrenzen. Das übliche Begründungsensemble. Selbst die Muttergesellschaft in den USA gab am 26. September bekannt, über 2.500 Arbeitsplätze zu streichen. Angegebene Gründe: Rückläufige Nachfrage aufgrund der Anschläge in NY. Die Börsianer reagierten mit Kursverlusten für das Unternehmen, das so schöne Spielzeuge herstellt wie den Bell-US-Army-Helikopter und Cessna-Kleinflugzeuge.
Damit die Dividende wieder stimmt, muss Textron verschlankt werden, und das wollen die Kollegen von Textron in Neuss partout nicht einsehen. Sie machen als Schuldigen den Personalchef Stephan König aus, der der Erfinder der Neusser Schließungspläne sein soll. Andere sehen Strippenzieher im Werk in Neuwied zu Gange. So machen sie sich ihren Reim auf doch eigentlich ganz normales kapitalistisches Konkurrenztreiben. Wenn der Betriebsrat auf die in Neuss eingefahrenen Gewinne verweist und die Belegschaft mit einer zu melkenden Kuh vergleicht, die man doch bitte schön nicht schlachten soll, "vergisst" er, dass sich anderswo vielleicht noch ganz andere Gewinne machen lassen.

Kluge Arbeitskampfstrategie
Aber wenn man nichts hat als seine Arbeitskraft, bleibt einem nur übrig, für den Erhalt der bisherigen Arbeitsplätze zu kämpfen. In der ersten Phase ihres Kampfes setzt die Belegschaft um ihren rührigen Betriebsratsvorsitzenden Emmanuel Pantelakis öffentlich auf Treue zu "ihrem" Unternehmen und erklärt, durch Verzicht auf Arbeitsniederlegungen und durch "gute" Arbeit die Kunden ihres Werkes halten zu wollen. Stolz verkünden die Kollegen: "Wir haben im vergangenen Jahr mit weniger Personal ... mehr als das geplante Soll eingefahren...." (NGZ 12.11.01).
Während die Kollegen also wie bisher bei Textron schaffen, wird hinter den Kulissen fieberhaft verhandelt. Tagelang ergebnislos. Die Firmenleitung gibt sich bedeckt, will mit den "richtigen Zahlen" nicht herausrücken. Die örtliche IG-Metall mit ihrem Geschäftsführer Dietrich Termöhlen schlägt statt Schließung eines Standortes eine so genannte "Opel-Lösung" vor. D. h., in allen deutschen Textron-Standorten sollen gleichmäßig Stellen abgebaut werden. Das ist aber nicht die Kalkulation der Textron-Konzernleitung, die sich mit dem Verkauf des 60.000 qm großen Werkgeländes noch eine goldene Nase verdienen will.

Phase 2 des Arbeitskampfes
Während angesichts der einschlägigen Erfahrungen bei der Schließung von Case, Ideal Standard etc. überall mit der Ergebnislosigkeit des Abwehrkampfes bei Textron gerechnet wird, kommt es nun zur überraschenden Wende: Da viele Kunden von Textron bekannte Automobilproduzenten sind, die schon seit Jahren bei ihren Lieferanten auf "just-in-time"-Lieferungen umgestellt haben - und dies ist selbstverständlich den Kollegen bekannt - wird dies geschickt ausgenutzt. Unter dem Vorwand, nicht genügend informiert zu sein, wird eine am 21. November anberaumte Betriebsversammlung "filibusterhaft" über mehrere Stunden gestreckt, vertagt und fortgesetzt. In dieser Zeit wird natürlich nicht gearbeitet und es kommt zu Lieferengpässen, da entgegen der Lage damals bei Ideal Standard, wo es hohe Lagerkapazitäten gab, bei Textron keine Vorräte liegen. Dadurch kommt es zu gravierenden Stockungen der Produktion an den Fertigungsstraßen bei VW, Opel und anderswo. Die darauf einsetzenden Reaktionen - drohende Konventionalstrafen in ungeahnter Höhe - lassen die Konzernherren bei Textron zusammenknicken. Da die Kunden nicht auf andere Produkte ausweichen wollen, muss Textron einlenken: Die aktuellen Schließungspläne werden zurückgenommen und einer Opel-Lösung das Wort geredet.
Dies bedeutet zum einen Entlassungen an allen Textron-Standorten und zweitens keine Gewähr, dass es vielleicht doch noch anders kommt. Wie eben aktuell beim Namensgeber Opel in Bochum: Dort wird angekündigt, trotz der Absprachen mit dem Gesamtbetriebsrat im kommenden Jahr doppelt so viele Arbeitsplätze abbauen zu wollen wie bislang erwartet. Man droht, mit bestimmten Produktionsabteilungen in die Billig-Lohn-Länder Tschechien bzw. Ungarn abzuwandern.

HPJ

www.neusser-monat.de (29.12.2001)