Lyrische Prosa von Christian Geissler

Traum vom freien Menschen

Eine neue Erzählung von Christian Geissler ist erschienen: „aus der reihe der ‚sieben kleinen grausamen romane’“, wie er selbst sagt. „ein kind essen – liebeslied“ ist einerseits der Briefwechsel zweier alter Kommunisten aus Ost wie West und andererseits der innere Monolog zweier Arbeitsmenschen aus dem ostfriesischen Rheiderland.

Ein Theologiestudent wird linksradikal
Damit wird ein direkter Bezug zum Autor hergestellt, dessen Erzählung stark autobiographische Züge trägt. Geissler, letztes Jahr 72 Jahre alt geworden, lebt seit 1985 in Aaltuikerei, einem kleinen Dorf nahe der niederländischen Grenze. Er hat ein bewegtes Leben hinter sich: Zum Kriegsende war er Flakhelfer bei der Nazi-Wehrmacht, nach dem Abitur studierte er evangelische Theologie, konvertierte aber in den 50er Jahren zum Katholizismus. Im Adenauer-Deutschland politisiert, engagierte sich Geissler in der Ostermarschbewegung, war Mitherausgeber der Literaturzeitschrift „Kürbiskern“ und wurde Mitglied der illegalen KPD. Statt in die DKP einzutreten, sympathisierte er in den 70er und 80er Jahren offen mit dem bewaffneten Kampf; seine Waffe allerdings blieb das Wort.

Ein Arbeitsmenschenkind stirbt
Die Handlung des Buches wird vom Autor selbst vorweggenommen: „ein kind stirbt. – eine junge frau steht im verhör. – ein junger mann stürzt in verwirrung“ (S. 7). Die konsequente Kleinschrift hat Geissler mittlerweile aufgegeben; dadurch lassen sich die Handlungsstränge im Buch auseinanderhalten. Der über 70-jährige Kommunist Ole Blessi berichtet dem ebenso alten ostdeutschen Kommunisten Jakob Kargow aus dem kläglichen Dasein im ostfriesischen Dorf Leege Plaatse. Dort leben auch Honken und Silvia, die eine kleine Autowerkstatt betreiben. Der 25-jährige Honken war vorher beim BGS und als Söldner in Nigeria. Warum Honken seine Karriere als Soldat beendet hat, bleibt ungewiss. Vieles spricht dafür, dass er in das Desaster in Bad Kleinen verwickelt war. Nun arbeitet er für die Kleinfamilie. Ihr Kind, der knapp dreijährige Alex ist kränklich; bald stellt sich heraus, dass er Krebs hat. Ole Blessi kennt Honken von klein auf. Oft hat er bei ihm in der Wohnküche um Rat gesucht, so auch bevor er zum BGS wollte, „dorthin, wo einer gebraucht wird“ (S. 56). Sie haben diskutiert: „Wer braucht wen für was. Wer lässt sich rufen von wem an welche Waffe“ (ebd.). Honken ist dann trotzdem gegangen, und in die Kleinfamilie zurückgekehrt, als er nicht mehr konnte. Sylvia und Honken bekommen ein Kind, können aber vor lauter Arbeit, um sich am Leben zu halten, keine Zeit für es aufbringen. So ist Alex von Anfang an in den Giftdämpfen der Autowerkstatt eingesperrt und angebunden wie ein Hund. Das Gift, die Enge und Unterdrückung produzieren den Krebs, an dem er schließlich stirbt.
Um diesen Handlungskern entspinnt sich die Diskussion. Der Dialog der beiden Kommunisten wird immer wieder unterbrochen durch das Klagelied der beiden Arbeitsmenschen.

Zwei Kommunisten träumen
Es gibt bis zum Schluss keine Verständigung. Die Kommunisten können die Barriere nicht überwinden und werden dadurch immer wieder mit ihrem Scheitern konfrontiert. Schon früh in der Auseinandersetzung verweist Blessi selbstkritisch auf den „schutz gegen klassenfeinde“ (S. 20) als den „tödliche[n] kitsch unserer lügen“ (ebd.). Schließlich problematisieren sie ihr Verhältnis zum Menschen: „Was hat uns mit Lügnerinnen und Lügnern in eine Front gebracht? [...] Selbst knechtisch, organisierten wir Knechte und Knechtinnen, die es ganz anders wollten. Und die waren die Lügner nicht, sondern wir, die sie frei genannt haben, Genossen. Denn so war es nicht. So waren sie nicht. So wollten wir, daß sie seien. So täuschten wir uns“ (S. 137f.). Was bleibt, ist „der Traum von einer sache...“ (S. 143).
Bezeichnenderweise am „tage der weißen“ (S. 9), dem 3. Oktober 1996, stirbt Alex. Die beiden Kommunisten inserieren jeder eine Todesanzeige in der „Rheiderland Zeitung“. Die Eltern rufen um „hilfe“.

Ein Kommunist reflektiert Niederlagen
Geisslers Erzählung ist eine Abrechnung mit dem Leben. Mit dem der Kämpfenden auf der einen Seite, der Spanischen Interbrigadisten, der Widerstandskämpfer gegen den Faschismus, aber auch der bewaffnet Kämpfenden in der Bundesrepublik sowie derer, die den ersten sozialistischen Versuch auf deutschem Boden gewagt haben. Es ist die Auseinandersetzung mit den Niederlagen, dem vermeintlichen Sieg des Weltkapitalismus, der sich brutal bis in die kleinsten Lebenszusammenhänge auswirkt. Gezeichnet von Alter und Krankheit, vereinsamt und politisch isoliert beobachtet der Kommunist und Schriftsteller Christian Geissler in der Person des Ole Blessi das Geschehen um sich herum.

Die Ausgebeuteten kritisieren nicht
Auf der anderen Seite befinden sich die Ausgebeuteten und Erniedrigten, die ihr Klagelied anstimmen gegen ihr elendes Dasein. Doch ihre Einsicht reicht nicht zur Kritik der herrschenden Verhältnisse. Sie suchen die Schuld für ihr „Unglück“ bei denen, die ihnen am nächsten sind. Ihr Leiden mündet in Selbst-Erniedrigung. Sie begreifen bei ihrem Überlebenskampf nicht, wie selbstzerstörerisch er ist. Noch nicht einmal der mitverschuldete Tod des eigenen Kindes vermag ihnen die Augen zu öffnen. Diejenigen, die ihnen das Notwendige nahe zu bringen versuchen, werden spöttisch verlacht.
Darüber tauschen die beiden alten Kommunisten ihre Gedanken. Ihre Niederlage auf ganzer Ebene lässt sie an ihrem Menschenbild zweifeln. Sie täuschten sich im vermeintlich freien Menschen. Dabei versuchen sie ihr eigenes Dasein zu begreifen: Die tiefe Verbundenheit als die einzige, die bleibt?
Der Überlebenskampf der einen wird begleitet durch die Abwehrkämpfe der anderen. Daraus muss es einen Ausweg geben.
Zwei Kommunisten versuchen eine philosophische Annäherung durch das Spiel mit Worten. Die Erzählung verpflichtet zum Nachdenken. „lest das nach, es geht ums leben.“ (christian geissler)

Tim Engels

christian geissler (k): „ein kind essen – liebeslied“, Rotbuch Verlag,
Hamburg 2001, 145 S.

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