Sank Quirin om Mönsterthon sei gleichsam der Primus unter den Neusser Denkmälern, heißt es in einer ambitionierten Artikelserie unseres christdemokratischen Heimatblattes. Doch - Gott seis geklagt - der Leser wird lediglich über die wechselvolle Geschichte des Quirinus-Standbildes auf der Münsterkuppel informiert. Leider fehlt ein Abriss des wundersamen Lebensweges des hl. Quirinus von Neuss. Deshalb hat der NM die einschlägige Literatur gesichtet, um die Neusser in ihrem Glauben an unseren Stadtpatron zu bestärken.
Der christdemokratische Politiker
Der Autor der volkspädagogischen NGZ-Artikelserie über Denkmäler
in Neuss ist Carsten Greiwe, der ein besonders prachtvolles Exemplar des
katholischen Neusser Politikers ist. Getrieben von dumpfbackigem Heimatstolz
und christdemokratischem Sendungsbewusstsein engagiert er sich sowohl für
die Verschönerung seiner Heimatstadt auf katholische Art als auch für
Mord und Totschlag. So half er einerseits tatkräftig mit bei der Errichtung
eines angemessenen Denkmals für den Kölner Kardinal Frings, der in
Neuss am Rhein das Licht der Welt erblickte. Andererseits ist er stets zur Stelle,
wenn es darum geht, Propaganda für kriegerische Einsätze der Bundeswehr
zu machen.
Unlängst nun veranlassten ihn sein Sendungsbewusstsein und seine Heimatliebe
zu einem lesenswerten Elaborat über das Heiligenbild, das eine
Statue ist und das man auf dem mächtigen Neusser Münster
bestaunen kann. Das Standbild auf der grünen Kuppel, lässt
der sprachgewandte und zugleich tiefsinnige Herr Greiwe uns wissen, sei zugleich
Symbol und Inbegriff von Neuss selbst. Dummerweise jedoch versäumte
es der schriftstellernde Christdemokrat, die Legende des hl. Quirinus von Neuss
unters Volk zu bringen. Dabei eignet sich die Heiligenlegende in wundervoller
Weise dazu, die Macht des katholischen Glaubens in einer Welt der menschenunfreundlichen
Warenproduktion zu lobpreisen.
Die gottgefällige Legende
Bevor unser Herrgott aus ihm einen Heiligen machte, war der Römer Quirinus
mit dem Teufel im Bunde gewesen. Im alten Rom bewachte er als ungläubiger
Gefängniswärter eingekerkerte Christen, die aufgrund ihres ungewöhnlichen
Glaubens mit der heidnischen Obrigkeit in Konflikt geraten waren. Es soll zu
Anfang des 2. Jahrhunderts nach Christi Geburt gewesen sein, als dem bösen
Heiden Quirinus zwei auserwählte Christen in die Hände fielen. Gott
der Herr hatte es so gefügt, dass ein gewisser Papst Alexander I. und ein
römischer Stadtpräfekt namens Hermes, der zum Christentum übergetreten
war, im Kerker des Quirinus schmachten mussten. Als Quirinus eines Tages von
Hermes wissen wollte, warum er Christ geworden sei, entwickelte sich ein Zwiegespräch,
das der Quirinus-Experte Werner Chrobak anhand einer mittelalterlichen Quelle
sehr brav rekonstruiert hat:
Quirinus verspottet Hermes, weil er an ein anderes ewiges
Leben glaubt, bietet aber an, auch diesen Glauben annehmen zu wollen, wenn ihm
dafür Beweise geliefert würden. Als ersten Beweis will er akzeptieren,
dass die in getrennter Haft gehaltenen Personen Papst Alexander und Hermes trotz
verdoppelter Wachen im Kerker gleichzeitig in einem Raum vorgefunden werden.
Nachdem ein Engel Alexander in den Kerker zu Hermes geführt und Quirinus
dies staunend zur Kenntnis genommen hatte, forderte er aber als zweiten Beweis
die Heilung seiner an Kropf leidenden Tochter Balbina; denn er hatte erfahren,
dass der Sohn des Hermes durch Papst Alexander von den Toten auferweckt worden
sei. Alexander beordert, noch während er in der Zelle des Hermes weilt,
Balbina in seine Zelle. Nach einem erneuten wunderbaren Ortswechsel mit Hilfe
des Engels empfängt Alexander dort die Tochter des Quirinus, hindert sie
aber, seine Ketten zu küssen. Er weist sie an, die Ketten des hl. Petrus
zu küssen, damit sie gesund werde. Auf Befehl des Quirinus wird der ehemalige
Kerker des hl. Petrus ausfindig gemacht, Balbina küsst dort die Ketten
Petri und wird alsbald gänzlich gesund. Daraufhin bittet Quirinus Papst
Alexander um Verzeihung, entlässt ihn aus dem Kerker und empfängt
mit seinem Hause und vielen anderen die Taufe.
Nun aber, so berichtet eine neuzeitliche Quelle, schlug die heidnische Obrigkeit
zu. Ein Richter namens Aurelianus ließ Quirinus zunächst geißeln,
um ihm den christlichen Glauben auszutreiben. Da Quirinus aber standhaft blieb
und sich nicht vom Christentum lossagte, wurde ihm die Zunge herausgeschnitten.
Dann wurden ihm die Hände und Füße abgehauen und schließlich
wurde sein Kopf abgehackt. Dergestalt wurde aufgrund des unergründlichen
Ratschlusses unseres Herrn und Gottes aus dem heidnischen Gefängniswärter
Quirinus ein unbesiegbarer Märtyrer Christi, dessen Reliquien auf wunderbare
Weise von Rom nach Neuss gelangten.
Die Überführung der hl. Gebeine
Vielleicht schon Anno Domini 850, aber wohl doch eher cirka ungefähr A.
D. 1050 wurden Knochen des hl. Quirinus, weil Gott es so wollte, nach Neuss
geschafft. Das wichtigste Werkzeug unseres Herrn war bei dieser wundersamen
Translatio die Neusser Klosterfrau Gepa II, deren Bruder zu jener Zeit als Papst
Leo IX. in Rom als Stellvertreter Gottes auf Erden residierte.
Als sie ihn in der hl. Stadt besuchte, wurde sie unmittelbar neben der Kirche
des hl. Petrus einquartiert, von wo aus sie die Altäre mit ihren Reliquien
sehen konnte. Da geschah es, so offenbart uns eine Handschrift aus
dem Jahre des Herrn 1530, dass in einer Nacht, während sie durch
das Fenster in das Gotteshaus hineinschaute und dabei in gewohnter Weise ihre
Gebete sagte, sie Engel in hellem Lichtschein kommen und mit brennenden Kerzen
gewissen Reliquien, die in einem bestimmten Schrein liegen, ihren Dienst mit
großer Verehrung und Ergebenheit erweisen sah. Nachdem sie das Treiben
der Engel mehrfach beobachtet hatte, erfuhr sie, dass die Gebeine des
Seligen Märtyrers Quirinus dort verehrt seien. Da war die total überdrehte
Braut Christi nicht mehr zu halten und bat ihren Bruder flehentlich darum, den
Schrein mit den darin enthaltenen Reliquien nach Neuss mitnehmen zu dürfen.
Ungern zwar, aber prompt befahl der Papst, die Reliquien des hl. Märtyrers
Quirinus mitsamt den Gebeinen der hl. Balbina, der Tochter des hl. Märtyrers
Quirinus, seiner Schwester auszuhändigen.
Auf dem Weg ins mittelalterliche Nuys, den ihr der Allmächtige mittels
eines Maultieres wies, geriet unsere Ordensobere allerdings in arge Schwierigkeiten.
Nach einer Übernachtung war es Gottes Wille, dass die Reliquien derart
schwer geworden waren, dass sie nicht mehr bewegt werden konnten. Doch nachdem
Gepa II den Herrn unter Tränen angefleht hatte, gestattete er ihr, das
vom Körper abgetrennte Haupt des Heiligen zu erheben und wegzubringen.
Infolgedessen konnte zumindest ein Teil des hl. Quirinus nach Neuss am Rhein
geschleppt werden, wo er seither als Schutzheiliger gegen jedwede Unbill seinen
Dienst tut.
Die satanische Aufklärung
Nachdem die gottgefällige Heiligenverehrung viele Jahrhunderte dazu gedient
hatte, die Volksfrömmigkeit zu befördern und dadurch die irdische
Herrschaft zu stabilisieren, drohte sie im 18. Jahrhundert unserer Zeitrechnung
durch die satanische Aufklärung zerstört zu werden. Das Wissen
verdrängte den Glauben, die Vernunft die Offenbarung. Das eine schloss
das andere aus. Mit diesen denkwürdigen Worten geißelt der
fromme Reliquien-Spezialist Manfred Becker-Huberti die aufklärerische
Hybris, die auch dazu führte, dass man die Legende des hl. Quirinus
von Neuss als Volksverdummung attackierte.
Mittels der historisch-kritischen Methode wurden später allerlei Ungreimtheiten
in den Quellen über unseren Stadtpatron aufgedeckt, sodass schließlich
das zweite vatikanische Konzil, das in den Jahren des Herrn 1962 bis 1964 tagte,
unseren Ortsheiligen aus dem Heiligenkalender streichen ließ. Trotzdem
hielten die gottesfürchtigen Neusser an ihrem hl. Quirinus fest, zumal
die kirchlichen Autoritäten die lokale Verehrungstradition nicht antasteten,
sondern lediglich unabwendbare Zugeständnisse an den Modernismus machten,
um den Glauben an Gott den Herrn zu retten.
Auch heutzutage gibt es aufklärerische Wissenschaftler, die bezweifeln,
dass der römische Tribun Quirinus als Märtyrer gestorben ist. Der
Quirinus-Forscher Georg Holländer beispielsweise behauptet tatsächlich,
das römische Recht habe eine solche Anhäufung von Qualen, wie die
christlichen Märtyrerlegenden des Mittelalters und der frühen Neuzeit
sie beschreiben, für freie römische Bürger nicht gekannt, auch
nicht wegen deren Bekehrung zum christlichen Glauben. Außerdem seien Papst
Alexander I. und der Stadtpräfekt Hermes als historische Gestalten nicht
recht fassbar. Doch gottlob glaubt selbst ein solcher Frevler an einen nicht
weiter reduzierbaren Kern der Quirinuslegende, nämlich an die Heilung der
Tochter und die Bekehrung des Vaters. Wer glaubt, wird selig.
Die Macht des Glaubens
Letztlich siegt also nicht die satanische Aufklärung; es zeigt sich vielmehr,
dass der Glaube mächtiger ist als alles Wissen. Wie auch könnten wir
sonst das Leben in einer Welt ertragen, die geprägt ist von der Mühsal
der Lohnarbeit und dem Elend der Vielen, wenn es nicht den Glauben an den Erlöser
gäbe? Die Religion ist das Opium des Volkes, durch das die üblen Zustände
im irdischen Jammertal besser zu ertragen sind, wodurch sich deren Abschaffung
erübrigt.
Franz Anger