In Neuss kommt der Terror nicht unverhofft, sondern regelmäßig.
Er wird manchmal im Fernsehen übertragen, zwar noch nicht von CNN, aber
immerhin überregional. Er nennt sich Bürger-Schützenfest,
ist 178 Jahre alt und der Bürgermeister Herbert Napp bezeichnet die Zeit,
in der 6000 uniformierte Menschen in Uniformwichs und meist angesäuselt
durch die Straßen der Stadt ziehen, die Tage der Wonne. Einem
kleinen Büchlein über das diesjährige Turnier in Kampftrinken
und Wettschießen entnahm der Verbindungsoffizier, daß es sich dabei
um einen sinnenfrohen Ausdruck rheinischer Lebensweise handele.
Daraus ist zu lernen, daß der Terror viele Gesichter und Sympathisanten
hat. In der Reichshauptstadt stellt er sich nicht so offen zur Schau wie in
Neuss, aber seine Folgen sind nicht minder furchtbar. Zwar sind die Zeiten vorbei,
da man keine Kneipe betreten konnte, ohne von Harald Juhnke, Günter Pfitzmann
oder einem anderen Urberliner der Sorte ewig besoffen, aber herzlich
blöd, angemacht zu werden, aber die Pizza- und Sushi-Klüngel der Neuen
Mitte sind eine fast noch größere Umweltbelastung als die krakeelenden,
ranzigen Suffkes aus Mauerzeiten. Immerhin marschieren sie nicht tagelang Unter
den Linden oder dem Kurfüstendamm hin und her, sondern hängen in den
vielen teuren Lokalen rund um den Gendarmenmarkt herum und verwalten von dort
aus die Oststeppe. In New York hätte man sie alle schön konzentriert
in einem Gebäude, aber das ist ja gefährlich für sie, wie man
jetzt weiß. In Berlin sind sie jedenfalls unberechenbar wie Usama bin
Laden in den afghanischen Bergen, aber noch nicht so reich. Daran arbeiten sie
mit Eifer. Die Rüstungsexporte der Bundesrepublik in alle Weltgegenden
sind unter der amtierenden Regierung erfreulich gestiegen und der Ausdruck bin
laden ist längst so etwas wie ein Erkennungszeichen unter Leuten,
die aus streng humanitären Motiven Perlen aus den Schatzkästchen der
deutschen Waffenindustrie überallhin verkaufen.
In Neuss. so ist dem Buch zum Schützenfest zu entnehmen, werden die Waffen
noch immer offen getragen - ungefähr wie in Afghanistan, wo deutsche Waffen
sich hoher Wertschätzung erfreuen. Das gefährlichste Mordinstrument
der niederrheinischen Kopf- und Gemütsjäger ist allerdings nicht der
Schießprügel, sondern das Bierglas. Ersterer dient als Gehhilfe oder
Potenzsimulator, wenn sie die nasse Folter an den 6000 Kilometer
Alt-, Kölsch- oder Pilstheken beim Schützenfest hinter sich haben
oder an harmlosen Passanten ausgeübt haben. Im Büchlein wird beschrieben,
daß zur Voraussetzung für höhere Dienstgrade in der |Schützenhierarchie
gehört, nicht nur mit dem gewöhnlichen 0,3-Liter-Glas in Stellung
gehen zu können, sondern mit Gefäßen, die den dienstgradmäßig
größeren Blasen angemessen sind. Der gerade verabschiedete Regimentsoberst
Josef Bringmann startete seine Karriere z. B. so: Ein Jahr später
war Jupp Bringmann bereits Zugkönig und lehrte seine Freunde das Stiefeltrinken.
Eine Sitte, die damals bei den Schützen hoch in Mode war. Ein Dreiliter-Glasstiefel,
gefüllt mit Bier, machte die Runde von Mund zu Mund. Beim Trinken mußte
der Stiefel vorsichtig gedreht werden, damit keine Luftblase ein glucksendes
Geräusch verursachte. Geschah das aber dennoch bei einem der Rundentrinker,
so mußte dieser einen neuen Stiefel bestellen. An manchen Abenden wurden
auf diese Weise bis zu 10 Stiefel weggeputzt.... So streng wurde und wird
der Kampf ums Überleben in Neuss geführt. Dem Verbindungsoffizier
kam beim Lesen dieser grausigen Beschreibung des Bauchaufpumpens der Gedanke,
ob man nicht Neusser Schützen und islamische Religionspolizisten vom afghanischen
Ministerium für die Förderung der Tugend und die Verhinderung des
Bösen in einen Getränke- und Waffenaustausch treten lassen sollte.
Beide Seiten halten viel von ihrer jeweiligen Religion und wer den so stark
aufs Jenseits fixierten Freunden des Flugzeugfliegens, Steinigens und Aufhängens
an Autokränen Neusser Hopfenkaltschalen anbietet, der benötigt bald
ihre Kalaschnikows nicht mehr. Er ist dann schon richtig im Paradies. Der Lösung
der Terrorfrage wäre man einen gewaltigen Schritt nähergekommen.
Arnold Schölzel, VOibE