NATO-Intervention auf dem Balkan

Missernte in Mazedonien

Wieder einmal hat die Bundesregierung ein Versprechen gebrochen. Die völkerrechtswidrige Selbstmandatierung der NATO zu einem Militäreinsatz out of area - zum Überfall auf Jugoslawien - sei ein „einmaliger Ausnahmefall”, der nur mit der angeblich vorliegenden „humanitären Katastrophe” zu rechtfertigen sei, hieß es 1999. So etwas dürfe sich niemals wiederholen, erklärte Außenminister Fischer damals. Mit der NATO-„Ernte” in Mazedonien wird jetzt die Selbstmandatierung zur Regel. Diejenigen, die mit der Aufrüstung der UCK Öl ins Feuer gossen, geben sich nun als Friedensstifter. Der Bock gräbt den Garten um.
Das NATO-Hauptquartier hatte das neue Abenteuer auf dem Balkan ohne Deutsche geplant. Man hatte dort nicht mit einem Grundtrieb deutscher Sozialdemokraten gerechnet: Überall dabei sein zu wollen. Wir Neusser kennen das von vielen Schützenfesten.
Erst auf massives Drängen wurde nachträglich eine Aufgabe für 500 deutsche Soldaten in die Operation eingebaut. Auf diese Weise stieg die Zahl der in Mazedonien beteiligten Soldaten von ursprünglich 3 000 auf 3 500, mittlerweile allerdings sogar auf fast 5 000 Mann. Damit sind jetzt 7 000 unserer gewaltbereiten Jungs und Mädels auf dem Balkan stationiert, in Mazedonien, in Bosnien und im Kosovo. Unausgesprochen ist jedem der Verantwortlichen klar, dass der Einsatz länger als einen Monat dauern wird und dass die Folgen ähnliche sein werden wie schon im Kosovo: Trennung der Bevölkerungsgruppen nach ethnischer Zugehörigkeit, Vertreibung der slawischen Mazedonier aus Gebieten mit ethnisch-albanischer Mehrheit. Ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Staat Groß-Kosovo, oder deutlicher: Anatolbanien.
Für den Einstieg in jede Militäraktion musste wieder einmal der Hinweis auf eine angeblich drohende humanitäre Katastrophe herhalten. Angeblich geht es nur um das Einsammeln von Waffen. Weil die Waffen „freiwillig“ abgeliefert werden, hätte es eigentlich keiner Soldaten bedurft. Das Rote Kreuz oder ein Schützenzug aus Rosellerheide wären einer solchen Aufgabe ebenso gewachsen gewesen. 3 300 Waffen will die NATO von ihren Terroristenfreunden haben. Die Zweifel der mazedonischen Regierung an dieser lächerlich geringen Zahl wurde weggewischt: „Nicht verhandelbar“, schnauzte es aus dem NATO-Hauptquartier in Richtung Skopje, und die dort Regierenden - 1999 willige Helfer der NATO gegen Jugoslawien - lernten, was man in den westlichen Hauptstädten von der Souveränität von Vasallenstaaten hält. Niemand von der NATO erwartet von der UCK in Mazedonien, dass sie „alle ihre Waffen abgibt“, erklärte der BBC-Korrespondent aus Skopje. Aber einige Tausend müssten es schon sein, „damit es eine sinnvolle Geste ist“. Abgegeben wird von den UCK-Freischärlern im Wesentlichen alter Schrott. Man muss dem Museumsdirektor von Skopje Humor attestieren, der das NATO-Kommando um Überlassung einiger der Antiquitäten zu Ausstellungszwecken bat.
Für die Presse war nicht die Frage nach dem Sinn des Einsatzes das wichtigste, sondern das Hin-und-Her-Jetten unseres Durchgeknalltesten, Rudolf „Zombie“ Scharping. Der Kriegsminister, sonst eher auf Autopilot geschaltet, erweckte plötzlich den Eindruck, der neue Slogan des Müll-Senders SAT1 sei auf ihn gemünzt: „Powered by emotion“, oder frei übersetzt: triebgesteuert.

SPD: 19 Abweichler
Klaus Barthel, Peter Dreßen, Harald Friese, Monika Ganseforth, Konrad Gilges, Wolfgang Grotthaus, Christine Lehder Götz-Peter Lohmann, Christa Lörcher Christine Lucyga, Adolf Ostertag, Renate Rennebach, Bernd Reuten Gudrun Roos, Rene Röspel, Hansjörg Schäfer, Sigrid Skarpelis-Sperk, Rüdiger Veil und Waltraud Woffi müssen sich warm anziehen. Zwar haben 267 SPD-Bundestagsabgeordnete für den Kriegseinsatz in Mazedonien gestimmt, aber diese 19 stimmten mit Nein und zogen sich den Groll des Bundeskanzlers, den Zorn des Fraktionsvorsitzenden und handfeste Drohungen des Generalsekretärs zu. Die Abgeordneten sollen nur ihrem Gewissen verantwortlich sein, steht im Grundgesetz. Machen sie, wie in diesem Falle, mal Gebrauch davon, dann will ihnen Müntefering die Möglichkeit zur Wiederwahl 2002 entziehen. Das ist verfassungswidrig. Ja, so ist das in der „parlamentarischen Demokratie“: Wer nach seinem Gewissen entscheidet, kann mit den Regierenden über Kreuz kommen. Und auch mit der „innerparteilichen Demokratie“ ist es bei der SPD nicht weit her: Wer nicht wunschgemäß abstimmt, wird nicht wieder aufgestellt - basta! Das entscheiden in der SPD offensichtlich längst nicht mehr nach dem Bundeswahlgesetz vorgeschriebene örtliche und regionale Wahlversammlungen, sondern der Generalsekretär durch Weisung von oben.

CDU: Für 28 Millionen in den Krieg
Die Zustimmung des Bundestages zum Mazedonien-Einsatz der Bundeswehr sollte natürlich breit ausfallen. Deshalb musste die CDU gefügig gemacht werden – und das kam für die Verhältnisse dieser Partei billig. Schlappe 28 Millionen aus Eichels Töpfen kostete der Stimmungsumschwung – und nicht einmal in die Kassen der Christenpartei, sondern für die Bundeswehr! Allerdings gab es unter den CDU-Abgeordneten 61, die der Vorgabe ihrer Führung nicht folgen mochten. Unter ihnen der Neusser Abgeordnete Willy Wimmer, der sich in Fragen des deutschen Balkan-Engagements durch eine gewisse Klarsichtigkeit auszeichnet. Zum Nato-Krieg gegen Jugoslawien weiß er: „Der Bundestag wurde vor zwei Jahren mit Falschinformationen überrollt, ja fast genötigt, die Entscheidung für den Krieg zu treffen“.
Ganz nebenbei: Die Entscheidung, wonach der Mazedonien-Einsatz nicht aus dem Verteidigungsetat, sondern aus dem Etat des Finanzministers bezahlt werden soll, führt zu einem erneuten Schattenhaushalt für das Militär, während gleichzeitig die Sozialleistungen weiter zusammengestrichen und die kommunalen Haushalte ausgezehrt werden. Für die militärischen Abenteuer ist immer ausreichend Kohle gebunkert.

Warum Mazedonien?
Ein Sprecher des von US-Ölfirmen geführten Transbalka-Konsortiums AMBO gab in der bulgarischen Hauptstadt Sofia bekannt, dass noch vor Jahresende mit dem Bau der Öl-Pipeline begonnen werden soll. Die 890 km lange Pipeline soll 1,3 Milliarden US-Dollar kosten und vom bulgarischen Schwarzmeerhafen Burgas quer durch Mazedonien zum albanischen Adriahafen Vlore führen. Nach vier Jahren Bauzeit soll sie mit einer Tageskapazität von 750 Tausend Barrels das ursprünglich aus dem Kaspischen Meer stammende Rohöl zur Adria pumpen. Anschließend würde das Öl über Rotterdam in die Vereinigten Staaten verschifft, sagte der AMBO-Sprecher. Sicher ein weiterer guter Grund dafür, aus Mazedonien das dritte NATO-Protektorat auf dem Balkan zu machen.

Bernd Redlich

www.neusser-monat.de