Back to the roots

Während der eine Teil der Linken auf den unvermeidlichen Zusammenbruch des Systems wartet, hat sich der andere Teil von derartigen Hoffnungen schon längst verabschiedet und hält gemäß der falsch verstandenen Alternative des großen Lehrmeisters "Sozialismus oder Barbarei" den Idealen der Zivilisation gegen seine barbarischen Verlaufsformen die Stange.

Da gibt es aber noch ein Grüppchen, das seit Jahrzehnten in der Bundesrepublik sein Unwesen treibt. Früher bekannt unter dem Namen "Marxistische Gruppe", heute versammelt im Dunstkreis des Gegenstandpunkt-Verlages in München hält dieser Verein unverwüstlich an der Notwendigkeit der kommunistischen Revolution zur Aufhebung der kapitalistischen Ausbeutung fest.
In einem neuen Buch listen Peter Decker und Konrad Hecker einige handfeste Gründe dafür auf, die so manchen Linken und den einen oder anderen Proletarier nachdenklich stimmen könnte.

Unter dem Titel "Das Proletariat - Die große Karriere der lohnarbeitenden Klasse kommt an ihr gerechtes Ende" erklären die Autoren den historischen Werdegang des "Vierten Standes" nebst seiner politischen und gewerkschaftlichen Betreuung. Dabei finden sie lauter schlechte Gründe für die nahtlose Eingliederung der Lohnarbeiter in das kapitalistische System.
Aus den Erfahrungen des notwendigen Kampfes gegen die ruinösen Bedingungen der Lohnarbeit haben vor knapp 150 Jahren Arbeitervertreter eine Strategie der Emanzipation der Arbeiterklasse in der kapitalistischen Gesellschaft entwickelt. Gegen Widerstände aus den eigenen Reihen - so kritisierte Marx entschieden die Forderung nach einem "gerechten Lohn für ein gerechtes Tagewerk", weil deren Propagandisten dem Schein eines normalen marktwirtschaftlichen Tauschgeschäftes beim Verkauf der Ware Arbeitskraft aufgesessen sind und dabei den Inhalt des Geschäfts, die "Aneignung fremder Arbeitsleistung durch das kapitalistische Eigentum und die Funktionalisierung der eigentumslosen Masse für dessen Vermehrung" (S. 40) nicht wahrhaben wollen - haben Gewerkschafter und Sozialdemokraten die gesellschaftliche und politische Anerkennung des Proletariats als gleichberechtigter Stand gefordert und durchgesetzt.
Heute nennt man so etwas "Sozialstaat" und ist zum Standard gesellschaftlicher Organisation geworden. Das Proletariat erfährt hier die Würdigung und Unterstützung, die es als Proletariat für seinen Daseinszweck und Fortbestand benötigt. Nicht mehr und nicht weniger - und wie viel oder wie wenig sich der Staat das kosten lässt bzw. von der nationalen Lohnsumme abzwackt, bleibt ständiger Streitpunkt zwischen den konkurrierenden gesellschaftlichen Interessen. In der Regel setzt sich das Unternehmerinteresse durch, weil es das einzig gültige Interesse der Gesellschaft vertritt, nämlich das der unendlichen Geld- und Kapitalvermehrung.
Jedenfalls ist mit der Einrichtung des "Sozialstaats" erreicht, dass auch in Zukunft die Mehrwertproduktion zum kalkulierten Schaden des Proleten weiter blendend funktioniert.

Decker und Hecker setzen sich auch kritisch mit den realsozialistischen Miesmachern des Kapitalismus auseinander. Sie müssen nämlich feststellen, dass in der Regel dieser Menschenschlag total begeistert ist vom Produktivvermögen der Arbeiterklasse und diese krisenfest unter staatlicher Führung zum Einsatz bringen wollte und will.
Die Autoren des Buches hingegen plädieren für die Abschaffung der kapitalistischen Produktion beziehungsweise - und das ist eben ganz wichtig - der Produktion abstrakten Reichtums, wie es die Realsozialisten betreiben/betrieben, in der der Prolet immer noch Mittel zum Zweck bleibt.
Die Alternative ist klar und eindeutig: Eine vernünftige, planmäßige Organisation der gesellschaftlichen Produktion.

Das Buch bietet neben der historischen Erklärung der Wendungen und Wandlungen der Arbeitervertreter auf politischer und gesellschaftlicher Ebene eine ausführliche Beschreibung der Eingliederung des Proletariats in das heutige System.
Darum gehört das Buch in das Handgepäck eines jeden linken Agitators.

Peter Decker / Konrad Hecker: Das Proletariat, politisch emanzipiert, sozial diszipliniert, global ausgenutzt, nationalistisch verdorben. Die große Karriere der lohnarbeitenden Klasse kommt an ihr gerechtes Ende. Gegenstandpunkt Verlag, München 2002, 279 Seiten, ISBN 3-929211-05-X,   20.-

www.neusser-monat.de (26.10.2002)