Der große Wurf:

Den Arbeitslosen geht es an den Kragen

Als sich vor einem Jahr herausstellte, dass die Bundesregierung ihr Versprechen, die Arbeitslosenzahlen deutlich zu reduzieren, nicht einlösen konnte, wurde der VW-Personalvorstand Peter Hartz engagiert, der mit der Propagierung eines Konzepts zur radikalen Umwandlung des Arbeitsmarktes die Chancen auf einen Wahlsieg von SPD/Grüne erheblich verbessern sollte. "Der große Wurf", wie die SPD das Konzept bezeichnete, erzielte tatsächlich - neben der staatsmännischen Betreuung der Flutkatastrophe in den östlichen Bundesländern - die erwünschte Wirkung im Hinblick auf Mobilisierung der Wählermassen zu Gunsten von SPD/Grüne.
Denn dem gefügigen Wahlvolk leuchtet ein: Staatsmännisches Handeln zeichnet sich durch Konsequenz aus. Und das hat der Kanzler bewiesen, einmal durch seine penetrante Präsens bei den Opfern der Flut und zum anderen in seiner Entschlossenheit, die Arbeitslosen ihrer Bestimmung zuzuführen, für das Kapital kostengünstig den Buckel krumm zu machen.
Zwar sind die grundsätzlichen Überlegungen der Reform des Arbeitsmarktes nichts Neues. Schließlich rühmten sich die Arbeitsminister vergangener Jahre immer damit, man habe genug Mittel in der Hand, den Arbeitslosen Feuer unter dem Hintern zu machen. Dennoch ist es die Leistung von Peter Hartz, der bei seinem Arbeitgeber VW bewiesen hat, wie man Proleten effektiv für die Geldvermehrung einsetzen kann, ein revolutionäres Konzept aus einem Guss vorzustellen, das mit den Mitteln des Zwangs und der Erpressung die aussortierte Arbeitnehmerschaft dem Kapital zur Verfügung stellt.

Nun die Maßnahmen im Einzelnen

1. Wurf: Zusammenlegung von Arbeits- und Sozialämtern
Zunächst wird die arbeitslose Menschheit in zwei Kategorien geteilt: Erwerbsfähige und nicht Erwerbsfähige. Letztere landen wie bisher bei der Sozialhilfe, der Rest hat dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen. Durch diesen Dreh werden laut Frankfurter Rundschau vom 12.8.02 "600 000 bis 900 000 erwerbsfähige Empfänger von Sozialhilfe in das System der Arbeitsverwaltung integriert".
An Zahlungen sieht das Hartz-Konzept drei Abstufungen vor: Das Arbeitslosengeld I, das Arbeitslosengeld II und das Sozialgeld. Wobei das Arbeitslosengeld II der bisherigen Arbeitslosenhilfe entspricht mit der Einschränkung, dass dieses sich nicht mehr an einem ehemals gezahlten Lohn, sondern an der Bedürftigkeit des Arbeitslosen orientiert: Also quasi die Rückstufung auf das Niveau des Sozialhilfeempfängers.

2. Wurf: Das Job-Center
Erste Anlaufstelle für von Kündigung betroffene Arbeitnehmer ist das Job-Center. Hier haben sie sich vorzustellen, wenn ihnen der Rausschmiss bekannt wird. Zwar kann sich der zukünftige Arbeitslose noch selbst nach geeigneten Stellen umschauen, darf aber unter Androhung von Leistungskürzungen einen vom Job-Center angebotenen zumutbaren Job nicht ablehnen. Was zumutbar ist, bestimmt das Gesetz. Und da hat sich die Hartz-Kommission in Sachen schlechterer Bezahlung und größerer Flexibilität nicht lumpen lassen. Außerdem hat der Arbeitslose die Beweispflicht, dass er die eventuelle Nichtvermittlung nicht verschuldet hat.

3. Wurf: Die Personal-Service-Agenturen (PSA)
Hat die "Quick-Vermittlung" nicht geklappt, wird der Arbeitslose nach sechs Monaten der PSA, dem Herzstück der Reform, überstellt. Diese arbeitet wie eine Zeitarbeitsfirma. Sie übernimmt den bisher nicht zu Vermittelnden in ein arbeitsrechtliches Verhältnis und tritt so in der Rechtsposition des Arbeitgebers dem Arbeitslosen mit allen Konsequenzen des Arbeitsrechtes gegenüber. Falls es zu einer Vermittlung kommt, erhält der Leiharbeiter in der Probezeit einen Lohn in Höhe des Arbeitslosengeldes, anschließend einen tariflich vereinbarten PSA-Lohn. Der soll sich zwar am Lohn der Stammarbeiter orientieren, jedoch fallen grundsätzlich die außertariflichen Zulagen weg. Das bedeutet, dass "Leiharbeitskräfte im Westen fast 40 Prozent weniger als ihre fest angestellten Kollegen" verdienen (Jungle World, 27.11.02).
Da die PSA in der ersten Zeit einen Lohnzuschuss bis zu 100 % übernimmt, die Leih-Arbeitgeber von der Zahlung der Sozialabgaben befreit sind und jederzeit den Leiharbeiter rausschmeißen können, werden die Arbeitslosen den Unternehmern zu unschlagbar günstigen Konditionen als beliebige Manövriermasse offeriert.
Falls der Arbeitslose die ihm vermittelte Arbeitsstelle ablehnt, gelten auch hier die Regelungen der Leistungskürzungen.
In diesem Zusammenhang muss man der Hartz-Kommission auch mal ein Kompliment aussprechen: Auf eine solche Idee - auch angesichts von ein paar Millionen Arbeitslosen - ist wirklich noch niemand gekommen! Es gilt, einen Arbeitsdienst an einer Wirtschaft zu organisieren, in der Rentabilität der Arbeit das oberste Gebot ist.

4. Wurf: Die IchAG / FamilienAG
Durchaus sympathisch verhält sich die Hartz-Kommission der Schwarzarbeit gegenüber - mit der kleinen Ausnahme, dass hier dem Staat die ihm zustehenden Steuern entgehen. Darum soll dieser Bereich legalisiert werden. Denn der volkswirtschaftliche Nutzen dieser billigen Ein-Mann-Selbstverleiherfirmen ist unbestreitbar: Es wird Arbeit abgeliefert zu Konditionen, die sich im Vergleich zu denen, die auf dem regulären Arbeitsmarkt gelten, sehen lassen können. Diese "Selbstständigen" sollen sich in Zukunft vor allem in Privathaushalten oder kleineren Betrieben tummeln, wo sie bis zu einem Verhältnis von 1 : 1 zu den regulären Arbeitskräften eingesetzt werden können.

5. Der Rest
Wie es sich für einen großen Wurf gehört, hat die Hartz-Kommission sich auch noch Gedanken über die Verwendbarkeit der Menschen jenseits der midlife-crisis gemacht. Sichere Arbeitsverhältnisse gibt es auch für diese Klientel des Arbeitsmarktes nicht mehr, dafür darf man aber eine Versicherung abschließen, die den drohenden Verdienstausfall abdecken soll.
Für die jungen Berufsanfänger hat Herr Hartz einen hübschen Tipp für's Weihnachtsgeschenk: Das Ausbildungszeitwertpapier. Mittels einer Ausbildungsversicherung können in Zukunft Oma und Opa die Ausbildung ihres Enkels selbst bezahlen.
Natürlich kosten Arbeitsplätze auch viel Geld. Das soll in Zukunft der Arbeitnehmer als Dank für die Überlassung desselbigen selbst mitbringen. Mit einem Kreditgutschein in Höhe von etwa 75 000   in der Hand stellt sich der Arbeitnehmer bei seinem neuen Arbeitgeber vor. Da bekanntlich Arbeit das höchste Gut für Proleten in unserer Gesellschaft ist, dürfen sie sich schließlich an der Tilgung des Kredits selbst beteiligen.

Fazit

Eigentlich ist es eine phantastische Sache, in einer Gesellschaft zu leben, in der im Überfluss produziert wird und 10 Prozent brauchen keinen Handschlag dafür zu tun. Dumm ist nur, dass dieser Teil der Bevölkerung an den Fortschritten in der gesellschaftlichen Produktion nicht partizipieren kann. Nicht arbeiten zu dürfen, ist also in unserer Gesellschaft kein Glück sondern ein Pech.
Der Zweck der kapitalistischen Produktion ist nicht die Versorgung der Menschen mit den notwendigen Gütern sondern die Geldvermehrung, von der der Prolet ausgeschlossen ist, weil er eben Mittel zu diesem Zweck ist. So wird die einfache Tatsache, dass die Arbeitslosen arm sind, weil ihnen die Mittel fehlen, einigermaßen anständig über die Runden zu kommen, in dem Sinne verkehrt, dass man behauptet, ihnen fehle es an Arbeit. Darauf zielt das Konzept des Herrn Hartz ab: Damit mehr Menschen in den Genuss von Arbeit kommen, müssen die Ausbeutungsbedingungen verschärft, ihre materielle Lage verschlechtert werden. Die Vernutzung der Arbeitskraft soll schließlich für den Unternehmer attraktiv sein.
Zur geplanten Ausweitung der Mini-Jobs - darum hat sich Peter Hartz natürlich auch gekümmert - meldete am 17.12. der ARD-Videotext, der Präsident des Hotel- und Gaststättenverbandes DEHOGA, Fischer, habe von einem "sensationellen Weihnachtsgeschenk" gesprochen. Genau so hat sich die Hartz-Kommission die Umsetzung ihres Konzepts gedacht.

Lesetipps:
"Der ‚große Wurf' der Hartz-Kommission. Das neue Arbeitsamt: vermarkten statt vermitteln" in Gegenstandpunkt 3-02, München 2002-12-17
http://www.gegenstandpunkt.com/gs/02/3/hartz-x.htm

Der Bericht der Hartz-Kommission
http://www.bma.bund.de/download/Hartz-Kommission/Bericht_gesamt.pdf
http://www.bma.bund.de/download/Hartz-Kommission/Bericht-Kurzfassung.pdf

www.neusser-monat.de (19.12.2002)