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"NRW bleib sozial" fordern die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege
NRW auf großen Bannern in Düsseldorf und Umgebung, und die Neuß-Grevenbroicher
Zeitung (NGZ) zitiert in diesem Zusammenhang am 11.12. Reinhard Döring
von der Neusser Caritas: "Eine Regierung, die mit Holzhammermethode Kürzungen
ankündigt, ohne vorher Fachleute zu hören, disqualifiziert sich
selbst."
Die Antwort der Fachleute kam postwendend. "Reformen sind notwendig.
Deutschland verträgt keinen weiteren Stillstand", heißt es
im Sozialpapier der katholischen Bischöfe mit dem Titel "Das Soziale
neu denken. Für eine langfristig angelegte Reformpolitik".(Alle
folgenden Zitate nach SZ vom 13.12.) Und da ziehen die Vertreter des Himmels
kräftig vom Leder. Zunächst erhält die Politik ein Lob: "Auch
wenn in den letzten Monaten in die deutsche Politik Bewegung gekommen ist
und endlich wieder politisch um die besseren Konzepte gestritten wird, reichen
die Vorschläge nicht immer tief und weit genug". Die Bösewichte
sind schnell ausgemacht, denn die Gefahr besteht dass "erneut durchsetzungsstarke
Interessengruppen die Reformmaßnahmen zu ihren Gunsten beeinflussen.
Ross und Reiter werden nicht benannt. Aber denken darf man da gewiss an die
"Bremser" aus den Reihen der Gewerkschaften.
Die Kirche hat beim Kanzler oder bei der Opposition gut aufgepasst und weiß
genau, warum reformiert werden muss: "Sicher ist eines: Wenn wir nichts
ändern, keine Reformen wagen, setzen wir den Sozialstaat aufs Spiel.
Wenn nichts getan wird, werden im Ergebnis die Schwachen die Leidtragenden
sein." Auch wenn es die göttlichen Mahner nicht für nötig
erachten, diese verquere Behauptung zu begründen, weiß doch jeder,
was gemeint ist. Die Sozialabgaben sind zu hoch und stellen ein unüberwindliches
Beschäftigungshindernis dar. Was muss also getan werden? Die Sozialabgaben
müssen runter, die Leistungen gekürzt und so die Arbeitskraft verbilligt
werden. Die "Schwachen" werden verarmt, um sie vor der Verarmung
zu schützen. Das ist die Logik von Kirche, Politik und Kapital!
Die katholische Kirche begründet ihre Position nicht einfach mit irgendwelchen
ökonomischen Notwendigkeiten, sondern geht mit dem Menschenbild vom freien
Christenmenschen in die Offensive, das sie übrigens von der Konkurrenz
abgeguckt hat: "Jedem Menschen ist eine freie Entfaltung und die Teilhabe
an den öffentlichen Gütern zu ermöglichen. Subsidarität
bedeutet die Förderung von Eigenverantwortung statt Fremdverantwortung,
von Selbstständigkeit statt Abhängigkeit." Bei der Bundesregierung
heißt es da knapper: "Die neuen Regelungen für Arbeitslose:
Fördern und Fordern." (http://www.bundesregierung.de)
In der Sache sind sich Kirche und Politik einig: Wer Geld aus den Sozialkassen
bezieht, ist - mit Ausnahmen - ein elender Faulpelz oder Simulant, der auf
Kosten der Gesellschaft (Fremdverantwortung) lebt. Lohnabhängige Beschäftigung
hingegen ist freie Entfaltung der Persönlichkeit.
Die Agitatoren des Jenseits erfüllten nicht ihren göttlichen Auftrag,
wenn sie nicht die eigentlich böse Triebkraft im menschlichen Wesen,
das Anspruchsdenken, entdeckten, die unser christliches Gemeinwesen in die
bekannten Kalamitäten führt: "Während die ursprüngliche
Orientierung an den benachteiligten Gruppen und an der Abwehr von Not und
Armut unvermindert in Anspruch genommen wurde, um den Ausbau von Leistungen
zu legitimieren, wurde für viele das Soziale zu einem Anspruch, um eine
immer komfortablere Normalität herzustellen." (Sozialpapier S. 9,
http://www.dbk.de)
Zuspruch von kompetenter Seite bleibt nicht aus: "Bundessozialministerin
Ulla Schmidt (SPD) sowie Union und FDP begrüßten den Vorstoß
der Bischöfe, ebenso der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, Wolfgang
Huber." (RP, 13.12.)
Der neue Ratsvorsitzende hatte bereits in seiner Antrittsrede die Reformen
des Sozialstaates gefordert. "Das geht nicht ohne gravierende Einschnitte",
zitiert ihn die Rheinische Post am 6.11.
Der anfangs erwähnte Caritas-Sprecher, Reinhard Döring, wird im Ergebnis jedoch kein Problem mit seinem weltlichen Arbeitgeber mit göttlicher Inspiration bekommen, denn es geht ihm wie "vielen von uns nicht nur um die Angst vor dem Verlust des eigenen Arbeitsplatzes, sondern auch um die Angst, dass ihre Arbeit künftig nicht mehr getan werden kann." (NGZ, a.a.O.) Den Verdacht, die ganze Kampagne nur angezettelt zu haben, um ein privates Interesse durchzusetzen, wollen die Kirchenarbeiter nicht aufkommen lassen.