Lesetipp:

Die Päpste gegen die Juden v. David Kertzer

Zum 50. Todestag des Münchener Kardinals Michael von Faulhaber findet zur Zeit eine Ausstellung im Stadtarchiv München statt, die noch bis zum 28. Juli 2002 dort zu sehen sein wird.
Diese Ausstellung ist ein weitere Versuch - in einer langen Kette von Versuchen - die Kollaboration der katholischen Kirche mit dem Faschismus aus "der damaligen Zeit" heraus zu entschuldigen. Ein Zitat zur Person Faulhaber mag an dieser Stelle erst einmal genügen: In seiner Schrift "Deutsches Ehrgefühl und katholisches Gewissen" hatte Faulhaber schon 1925 erklärt: "Adolf Hitler wußte besser als die Diadochen seiner Bewegung, daß die deutsche Geschichte nicht erst 1870 und nicht erst 1517 begann, daß für die Wiederaufrichtung des deutschen Volkes die Kraftquelle der christlichen Kultur unentbehrlich sind. (...) Als Mann des Volkes kannte er auch die Seele des süddeutschen Volkes besser als andere und wußte, daß mit einer Bewegung, die in ihrer Kehrseite Kampf gegen Rom ist, die Seele des Volkes nicht erobert wird." (zit. nach junge Welt 22./23.6.02)
Die Kirchenfürsten mussten keine Nazis sein, um mit ihrem Hass auf den Bolschewismus eine gemeinsame Schnittstelle bei Hitler und Konsorten zu finden. Dieser Hass gepaart mit völkisch-nationalistischem Gedankengut, der wie selbstverständlich jüdische Menschen ausschloss, war eine feste Grundlage, auf der auch das Konkordat mit dem Heiligen Stuhl gedeihen konnte.
Kritik an der Verfolgung und späteren Ermordung deutscher und europäischer Juden war dann auch nicht vorgesehen. Lediglich Feststellungen wie diese, dass das Vorgehen gegen die Juden doch unvhristlich sei, wurden an den Entscheidungsstellen des Naziregimes schon richtig verstanden. Im Übrigen lagen dergleichen Hinweise exakt auf der historischen Linie des Vatikans und seiner Päpste, die zunehmend im 19. wie erst recht im 20. Jahrhundert zur Verurteilung von katholisch inszenierten Hetzkampagnen und Pogromen (Frankreich, Italien, Russland, Polen etc., also vorwiegend katholische Länder) aufgefordert wurden. Dies geschah hauptsächlich von liberalen und der Kirche eher fernstehenden Personen. Aber zu diesen Verurteilungen kam es nie. Erst recht nicht wurden die übelsten antijüdischen Hetzer, die sich im "Schoß der Mutter Kirche" befanden, gezügelt und zum Verstummen gebracht. Mit Hilfe der vielfältigen katholischen Zeitschriften wurde die Hetze weiter betrieben.
Wie das 2001 im Propyläen-Verlag erschienene Buch "Die Päpste gegen die Juden" an Hand von ausführlichen Quellenstudium zeigt, gab es seitens des Vatikans in der Frage der Juden immer ein janusköpfiges Verhalten: Gegenüber der liberalen Öffentlichkeit bezeichnete man Judenverfolgung als unchristlich, während gleichzeitig nach innen alle bekannten antijüdischen Register und Beschuldigungen aufrecht erhalten wurden. Genannt seien hier nur die Vorwürfe des Ritualmordes, der Weltverschwörung und was da noch an Fieberfantasien existieren. Besonders übel trieb es der Vatikan ja auch jahrhundertelang im eigenen Kirchenstaat. Anfangen vom Ghetto für Juden und der Kennzeichnungspflicht gab es dort bis ins 19. Jahrhundert hinein den katholisch organisierten Raub jüdischer Kinder (wenn z. B. ein religiös verblendetes katholisches Kindermädchen ein Kind jüdischer Eltern kurz mit Wasser betropft - also getauft - hatte). In offiziellen, vom Vatikan unterstützten katholischen Presseorganen wurden pausenlos Angriffe gegen Juden gestartet. Die Juden wurden bis ins 20. Jahrhundert hinein vom Vatikan als "fremdes Volk (begriffen), wenn es zuviel Freiheit erhält, (werde es) sofort zum Verfolger, Unterdrücker, Tyrann, Dieb und Zerstörer der Länder, in denen es lebt." (zit.nach Kertzer, a.a.O. S. 183)
Bei solchem lang gehegten Gedankengut der Kirche ist es auch verständlich, dass oben angeführter Faulhaber schon im April 1933 den Wunsch des bayrischen Priesters Alois Wurm zurückwies, sich in eindeutiger Weise vom Rassenhass des Hitlerregimes zu distanzieren.
Faulhaber ist hier das genaue Spiegelbild seines obersten Hirten im Vatikan, Pius XII. . Dieser Papst, der im November des letzten Jahres in Neuss einem Rehabilisierungsversuch unterzogen wurde, hat im übrigen ähnliche historische Erfahrungen wie Faulhaber anlässlich der Novemberrevolution in München 1917/18 als päpstlicher Nuntius machen müssen. Dies als eine Quelle ihrer gemeinsamen Bolschewistenfurcht, diese aber gepaart mit antijüdischen Reflexen, für Faulhaber war die Revolutionsregierung eine "Regierung von Jehovas Zorn". Der bayrische Ministerpräsident war für ihn der "Jude Eisner" .
Auf der Veranstaltung der Josef-Kardinal-Frings-Gesellschaft hatte der Karlsruher Historiker Prof. Dr. Rudolf Will versucht, Pius XII. gegen Rolf Hochhuth und dessen Nachfolger zu rehabilitieren. Ganz passend kam ihm da der Vorschlag des New Yorker Rabbiner David Dalin, der vorgeschlagen hatte, Pius den Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern" zu verleihen. Denn so Dalin: "Im 20. Jh. Hat das jüdische Volk keinen größeren Freund als ihn gehabt." (zit. nach NGZ-online 5.11.01)
Zum Glück ist es noch nicht so weit. Und das es nicht dazu kommen möge, dafür hat u.a. David I. Kertzer sein Buch für interessierte Leser/innen verfasst: Er wendet sich explizit gegen die Erklärungen des Vatikans, man müsse eine grundsätzliche Trennung machen zwischen rassisch begründetem Antisemitismus und "den althergebrachten Gefühlen des Misstrauens und der Feindseligkeit, die wir Antijudaismus nennen und deren sich leider auch Christen schuldig gemacht haben. Doch habe dieser nichts mit dem Hass auf die Juden zu tun, der zum Holocaust führte. "(a.a.O. S. 9- Einleitung)
Kertzer weist in seinem gut recherchierten Werk nach, dass dies eben eine "Geschichte (sei), von der viele wünschen, sie hätte sich so zugetragen, nicht aber jene, die wirklich passiert ist." (ebenda).
Ein sehr empfehlenswertes Buch.
HPJ

David I. Kertzer: Die Päpste gegen die Juden. Der Vatikan und die Entstehung des modernen Antisemitismus, 2001, Propyläen Verlag, Mchn.

 

www.neusser-monat.de (24.6.2002)