Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora
München vom 28. April 2008
Lohnstreik in Renaults
rumänischem Dacia Zweigwerk
Ein Dorado für einen Konzern
Renault erwirbt billig das sozialistische Überbleibsel
der Automobilfabrik Dacia, laut der französischen Zeitung Le Monde„eine
Ruine, als der französische Hersteller sie 1999 kaufte“ (14.4.08). Erfolgreiche
Ausbeutung an anderen Standorten hat der Firma eine Menge Reichtum eingebracht.
Nimmt sie nun noch Kredit für eine Erfolg versprechende Geschäftsaussicht
hinzu, dann ist ein heruntergekommener Standort in diesem Drittweltland in
Europa sofort attraktiv. Ein wahres unternehmerisches „Eldorado, wo die
Arbeitsgesetzgebung wenig verpflichtend, die Gewerkschaften schwach oder zu
Konzessionen bereit sind, wenn eine Fabrik Arbeit, welcher Art auch immer,
bereitstellen kann“ (L`Humanité, 25.3.). Auch ansonsten herrschen – wie man
nachlesen kann – entgegenkommende Geschäftssitten mit „unbezahlten
Überstunden, nicht gewährtem Urlaub und Probezeiten von bis zu 18 Monaten wie
bei Romsteel Cord, einer hundertprozentigen Tochter von Michelin“
(sozialismus.info, 12.4.). Außer der großherzigen Auslegung seines
Arbeitsrechtes durch den rumänischen Staat und Gewerkschaften, die um Arbeit
eher betteln, überzeugen auch die Personalausgaben, die nur ein Zehntel von
denen in Frankreich betragen. Der Gewerkschaftsführer Ion Iordache: „Der
durchschnittliche Monatsbruttolohn der Angestellten bei Dacia liegt bei 1064
Lei (285 Euro). Bei 2500 Beschäftigten ohne längere
Betriebszugehörigkeit ist er nicht höher als 780 Lei brutto (209 Euro)“
(communisme, Wordpress.com, 12.4.)
So ist alles beieinander für das kühne
Geschäftskonzept, ein technisch gesehen bescheidenes Auto an modernen
Produktionsanlagen von 13 000 willigen Arbeitern mit bescheidenen Löhnen
zusammenschrauben zu lassen. Spekuliert wird auf eine Kundschaft, deren
Lebensumstände ein Auto ebenso notwendig, wie deren Einkommen den Kauf eines
normalen Autos schwierig machen. Und diese Geschäftsidee mit der nützlichen
Lohnarmut auf Seiten der Beschäftigten wie der Käufer wird ein Riesenerfolg:
„Dacia hat 2007 einen neuen Verkaufsrekord
aufgestellt mit dem Verkauf von 230.000 Einheiten …, was eine Steigerung von
17,4 % darstellt im Vergleich zu 2006.“ (Challenge, 26.3.)
Dieser Verkaufserfolg wird sogar zum entscheidenden
Gewinnposten in der Konzernbilanzrechnung des „Créateur d’automobiles“: „Anfang März, anlässlich des Genfer Autosalons,
lächelt der Vorstandssprecher von Renault, Carlos Ghosn beim Vorstellen der
14,8 Prozent Zuwächse der weltweiten Verkäufe seiner Gruppe und eines
jährlichen Wachstums von 10 %. Zahlen, die größtenteils dem Erfolg des
Logan (Vorläufer des Dacia) zuzuschreiben sind, dessen Verkauf im Januar
und Februar sich mehr als verdoppelt haben im Vergleich zum vergangenen Jahr – wobei sie bereits 2007 den bemerkenswerten Zuwachs von
48 % erreicht hatten“. (L`Humanité, 25.3.)
So ist die Globalisierung gedacht! Unternehmen
vergleichen weltweit Anlagemöglichkeiten und Absatzchancen. Sie entscheiden
sich für Standorte, wo ihnen der Lohn passt, Gewerkschaften die Arbeit nicht
unnötig verkomplizieren und die politische Hoheit für ausländische Investoren
dankbar ist und alles tut, passende Standortbedingungen herbeizuregieren.
Die Renault Erfolgsmeldungen haben die rumänischen
Lohnkulis aber offensichtlich missverstanden. Sie interpretieren die
Profitabilität ihrer Anwendung glatt als etwas, wovon auch für sie als angewandte
Arbeitskräfte ein ordentlicher Anteil herausspringen soll. So werden sie
dreister, als es sich deutsche Lokführer je vorstellen konnten:
„Die Arbeiter fordern eine Erhöhung ihrer Gehälter
von 65 Prozent“, vermeldet Le Monde. (11.4.) Damit nicht genug wollen sie
noch ein paar Vergünstigungen obendrauf, nämlich „zur Lohnerhöhung … eine
Gewinnbeteiligung für die Mitarbeiter, höheres Oster- und Weihnachtsgeld sowie
Rabatte beim Kauf von Dacia-Autos.“ (newsticker.sueddeutsche.de, 12.4.) Sie
beschweren sich darüber, dass die von Renault gezahlten Löhne nicht zum Leben
reichen – „Wie soll man damit zurechtkommen können?“ und „Die Preise
steigen, aber die Gehälter folgen dem nicht“ (Le Monde, 13.4.) –;
sie verweisen auf die profitablen Produktionsplätze, an denen sie „alle 52
Sekunden ein Auto herstellen“. „Wir arbeiten wie in Frankreich, aber
bekommen nur Peanuts“ (sozialismus.info, 29.3.) und sind undankbar
gegenüber den Segnungen des rumänischen EU-Beitritts: „Wir wollen nicht
Sklaven der Europäischen Union sein!“ (Le Monde, 13.4.)
Die Firma bietet zuerst einmal überhaupt nichts. Der
Pressesprecher Liviu Ion stellt sich hin und „weist jede Parallele zwischen
dem finanziellen Wohlergehen der Gruppe und den Gehältern der Beschäftigten
zurück und qualifiziert die Gewerkschaftsforderungen als irreal angesichts der
ökonomischen und sozialen Bedingungen, die aktuell in Rumänien herrschen.“ (communisme.wordpress.com,
12.4.) Der Firmenerfolg steigt, aber doch
nicht „parallel“ dazu die Löhne! Die müssen sich vielmehr den wirtschaftlichen
Misserfolg im sonstigen Rumänien vorhalten lassen, haben also weiterhin niedrig
zu sein. Und da ist es doch schon ein Ding, wenn „der durchschnittliche
Bruttolohn bei Dacia“ großzügigerweise „um 20 Prozent über dem
landesweiten Durchschnitt“ liegt. (newsticker.sueddeutsche.de, 12.4.). Was
nicht gegen den Durchschnitt, sondern unbedingt für den französischen Konzern
spricht, wenn der die nationale Arbeiteraristokratie nicht auf das
landesübliche Lohnniveau hinunter drückt! Nach einem Warnstreik offeriert die
Firma großzügig zwölf, dann sechzehn Prozent mehr Lohn. So billig hat der Lohn
aber schon zu bleiben, denn – so ein Dacia-Sprecher – „wir können nicht die
Rentabilität des Standorts aufs Spiel setzen“ (Le Monde, 11.4.) In der
Hauptsache setzt die Firma aber auf ein rechtliches Verbot des Arbeitskampfes.
Schließlich ist letztes Jahr eine Arbeitsniederlegung im selben Werk von den
rumänischen Behörden schon mal freundlicherweise verboten worden. Dem jetzigen
Streik bestreitet die Geschäftsführung vor Gericht jede „Legalität“,
wirft der Gewerkschaft vor, ihn vom Zaun gebrochen zu haben, „bevor alle
Verhandlungsschritte ausgeschöpft worden seien“ (nach
communisme.wordpress.com, 12.4.). Und überhaupt gehört sich diesem Spuk von ein
paar widersetzlichen Arbeitern von Recht und Gewalt schon deshalb ein Ende
gesetzt, weil die Gewerkschaft die Zahl der Streikenden künstlich „aufgeblasen“
haben soll, um die fürs Streiken rechtlich vorgesehene Quote von 50 %
überhaupt zu erreichen. Wofür folgt man als Firma schließlich den Bitten eines
Staates an der europäischen Armutsperipherie, liefert einen großen Beitrag zu
dessen Bruttoinlandsprodukt, wenn man sich dann nicht darauf verlassen kann,
dass einem der politische Standorthüter das Recht auf ungestörte Ausbeutung
auch verschafft und einem diese Geschäftsstörung vom Hals schafft!
Als das Gericht – nach mehrmaligem Verschieben des
Urteils – den Streik für rechtens erklärt, und nach 19 Tagen der „Produktionsstillstand
für Dacia-Renault rund 15 000 Autos weniger bedeutete und die durch den Streik
bedingten Verluste von den Medien auf 60 bis 150 Millionen geschätzt werden“
(newsticker.sueddeutsche.de, 12.4.), lenkt der Konzern ein. Angesichts einer
Fortsetzung des Streiks würde die von der Renaultzentrale für 2008 angepeilte
Produktion von 350 000 Einheiten in Gefahr geraten. Und das, wo sich das Auto
gerade so gut verkauft! Da kommt die Firma mit einem Zugeständnis beim Lohn
billiger weg und es wird „mit der Direktion eine Vereinbarung unterzeichnet,
die eine Erhöhung von 28 Prozent des Grundgehaltes vorsieht“. (Le Monde,
13.4.)
Wie viel 28 Prozent mehr Lohn wert sind in einem Land
mit zum Teil zweistelligen Preissteigerungsraten und bei einem „ Anstieg der
Lebenshaltungskosten in den letzten Jahren, wo einige Grundnahrungsmittel wie
Milch oder Fleisch heute sogar teurer als in Frankreich oder in Deutschland
sind“ (sozialismus.info, 12.4.), ist eine Sache. Wie wenig verlässlich der
geschlossene Lohnkompromiss für die Beschäftigten ist, das führt das Kapital
ihnen nachdrücklich vor und droht ihnen mit den Alternativen, die es gegen sie
in Anschlag bringen kann: „Dacia verweist darauf, dass sechs andere Fabriken
der Gruppe Renault in der Welt den Logan herstellen, oft wie in Marokko oder
Indien mit noch niedrigeren Löhnen.“ Dasselbe Ergebnis lässt sich auch in
Rumänien haben, und zwar ohne rumänische Arbeitskräfte. „Und außerdem
gibt es Moldawier gleich nebenan, die nur darauf warten zu solchen Preisen zu
arbeiten“. Noch weiter entfernt hausen auch noch Menschen, deren Abhängigkeit
ihres Lebensunterhaltes von den Geschäftskalkulationen eines weltweit die Löhne
vergleichenden Kapitals sich ausnutzen lässt „Ein rumänischer
Textilunternehmer hat sogar chinesische Arbeitskräfte kommen lassen!“ (Le
Monde, 13.4.)