Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora München vom 5. Mai 2008
GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 7.
Mai 2008
Eine Rentenerhöhung von 1,1 Prozent beweist:
„Die
Alten beuten die Jungen aus!“
Die Regierung landet kürzlich einen
Überraschungscoup: Sie erhöht die Renten um 1,1 %. Eigentlich hätte dies
den Rentnern gar nicht zugestanden, heißt es. Normalerweise wäre nur ein Plus
von 0,46 bzw. 0,65 % herausgekommen – je nach gültiger Rechnungsweise.
Gleichzeitig wird gar kein Geheimnis daraus gemacht, dass sich an der
schlechten materiellen Lage der Rentner durch diese Erhöhung nichts ändert. Die
durchschnittlich 14 €/Monat sind der Sache nach nicht einmal der
berüchtigte Tropfen auf den heißen Stein, von der Inflation gar nicht zu reden.
Diese angebliche Wohltat für die Alten hält eine Mehrheit der Bundesbürger
dennoch nicht für eine Frechheit, sondern vielmehr für eine gute Sache, die
zeigt, dass die Regierung den „Aufschwung unten ankommen“ lassen will.
Eine Phalanx von Meinungsbildnern,
Wissenschaftlern, Wirtschaftsführern und Politikern stemmt sich jedoch gegen
diese Rentenerhöhung. Für die Prinzipienwächter der modernen Marktwirtschaft
ist es ein Skandal, dass die Regierung in ihren Augen den Versuch unternimmt, mit
einer – wenn auch eher – symbolischen Geste Schönwetter bei den Alten für sich
zu machen. Sie warnen davor, dass von der scheinbar kleinen Prozentzahl ein „fatales
Signal“ ausgeht, dass die Regierung vom richtigen Kurs der „Reformpolitik“
abweichen könnte und ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzt. Stellvertretend der
Wirtschaftsweise Rürup und der Sachverständige für Soziales Professor Miegel:
„Wenn die Regierung den etablierten Mechanismus
jetzt durch Ad-hoc-Maßnahmen abschwächt, setzt sie ihre eigenen Reformen aufs
Spiel.“
(Rürup im Spiegel)
„Die Politik hat in den letzten Jahren mit
Reformen reagiert, die Kaufkraft der Rentner sinkt zügig.“ (Professor Miegel in
„Bild“)
Klarer kann man es kaum ausdrücken: Die Alten
müssen ärmer werden. Die erzielten Fortschritte in dieser Richtung werden
deshalb gelobt und sie gehören bewahrt: Damit haben diese Sachverständigen für
Armutsprogramme mal wieder ihren Standpunkt klargemacht und sie bestehen auf
dessen Verbindlichkeit. Die Reformpolitik in Bezug auf die Verarmung der
Rentner zeitigt Erfolge und die dürfen nicht wieder hergeschenkt werden.
Dieser Standpunkt ist ja schon gemein genug.
Richtig nett wird es aber, wenn sich die schreibende und filmende
Öffentlichkeit über diese systemwidrige Berücksichtigung der Rentner hermacht.
Die Bild-Zeitung legt vor: Unter der Überschrift „Renten-Experten schlagen
Alarm: Die heutigen Ruheständler beuten die jüngeren Generationen aus!“ lässt
sie einen amerikanischen Professor Kotlikoff erklären, dass die Ruheständler
einen gefährlichen Hang zur „Ausbeutung“ in sich tragen: „Jede
Generation, die älter wird, versucht die nächste auszubeuten.“ So soll man
die 1,1 % Rentenerhöhung sehen – da hat die „ältere Generation“ gerade mal
wieder einen Sieg über die Jungen errungen. Weil ihre Tage nur noch kurz
sind, kennen die Alten keine Verwandten mehr: „Die ältere Bevölkerungsgruppe
hat einen kurzen Zeithorizont und will in der Gegenwart Kasse machen.“ Das
sagt der gesellschaftspolitisch sachverständige Professor Miegel 14 Tage später
im Spiegel und assistiert damit dem Alt-Bundespräsidenten Roman Herzog. Der hat
sich nämlich zu diesem Zeitpunkt der Agitation der Bildzeitung angeschlossen
und sie hoffähig gemacht, indem er die drängende Frage beantwortete, wie
die Rentner das eigentlich machen. Im demokratischen Leben gibt es nämlich laut
Herzog eine Schwachstelle – und die nutzen die Rentner raffiniert aus: Als
Arbeitsvolk haben sie zwar ausgedient, was sie eigentlich zu bescheidener
Zurückhaltung verpflichtet, aber als Wahlvolk werden sie gemeinerweise immer
mehr und machen damit Druck:
„Roman Herzog warnt vor einem zu großen Einfluss
der Rentner in Deutschland. … ‚Ich fürchte, wir sehen gerade die Vorboten einer
Rentnerdemokratie: Die Älteren werden immer mehr, und alle Parteien nehmen
überproportional Rücksicht auf sie … Das könnte am Ende in die Richtung gehen,
dass die Älteren die Jüngeren ausplündern.“ (Spiegel,
11.4.)
Und mit dieser angeblichen Macht erpressen die
Rentner schamlos die Politik und machen „Kasse“:
„Und wenn hierzulande eine Mehrheit der
wahlberechtigten Bürger von Transfers und nicht vom eigenen Einkommen lebt,
dann wird kein Politiker es sich leisten, deren Wünsche nach finanziellen
Wohltaten unerfüllt zu lassen.“ (FAS, 13.4.)
Wir haben es also mit einer Kumpanei zu tun
zwischen Politikern, die nur an ihren Machterhalt denken, und Ruheständlern,
die diesen Politikern „Wohltaten“ abpressen und sie im Gegenzug an der Macht
halten. Eine Kumpanei, die schließlich so weit geht, dass die Rentner
den Staat in immer höhere Verschuldung und an den Rand der Verfassungswidrigkeit
treiben.
Ein wenig langt man sich da schon an den Kopf:
Ausgerechnet die Rentner, die schon seit Jahren Kaufkraftverluste über sich
ergehen lassen und garantiert kein Mittel zur Erpressung in Händen halten,
sollen die Politik zu „finanziellen Wohltaten“ nötigen können? Kreuzbrave
Staatsbürger, die jahrzehntelang treuherzig in die Rentenkassen einbezahlt
haben, sollen nun quasi aus dem Nichts und ohne Gegenleistung Geld vom Staat
fordern und auch noch kriegen? – Dieser absurd übertriebene Skandal wird
absichtsvoll ausgerufen, um die Rentner der Verursachung von Schäden bei
anderen anklagen und ihnen das Scheitern der Reformpolitik überhaupt in die
Schuhe schieben zu können. Das ist eine gemeine Umdrehung der wirklichen
Abhängigkeit, die das sozialstaatliche Kassensystem produziert –
und dieses System haben sich weder die jungen noch die verrenteten Arbeitnehmer
ausgedacht. Es war und ist immer noch der Staat, der die Mitglieder der
armen Klasse unter einen Abgabenzwang setzt und sie zur Mitgliedschaft
in den Sozialversicherungskassen, z. B der Rentenversicherung, verdonnert.
Politisch Verantwortliche wissen nämlich ganz genau, dass sie bei den „abhängig
Beschäftigten“ aufgrund der dort herrschenden Not auf eine freiwillige
Vorsorge für Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter nicht bauen können.
Mit den Abgaben der armen Klasse, die der Staat
freundlicherweise in seinen Sozialkassen verwaltet, organisiert er eine
„Absicherung“ gegen Krankheit, Arbeitslosigkeit und Alter, bei der die aktive Arbeiterarmee
dafür verantwortlich gemacht wird, auch die – temporär oder dauerhaft –
inaktiven Teile zu finanzieren. Damit macht er die Mitglieder der armen Klasse
zwangssolidarisch füreinander haftbar und vertieft deren Armut.
Andererseits macht der Sozialstaat aber eben so auch die jederzeit drohenden
und bedrohlichen „Wechselfälle des Lebens“ für die kleinen Leute aushaltbar,
so dass für ein wie auch immer geartetes Durchhalten der Klasse gesorgt ist –
eine Garantie für den Einzelnen gibt es dabei freilich nicht. Wer als abhängige
Figur in dieses System eingebaut ist, wer davon abhängig ist und darin
zurechtkommen will, wer zugleich ständig die Erfahrung machen muss, dass dieses
Zurechtkommen prekär bleibt und Krankheit, Arbeitslosigkeit und Alter
weiterhin existenzgefährdende Bedrohungen sind, dem wird dann von den
öffentlichen Dolmetschern vorbuchstabiert, welche Kritik da die einzig
angemessene ist. Regelmäßig wird er mit der Frage beschäftigt, ob dieses System
nicht „der Wirtschaft“ oder „uns allen“ viel zu viel für diese „Absicherung“
abverlangt. Moralisch ausgedrückt spitzt sich dies immer auf die Frage zu, ob
nicht andere zum eigenen Nachteil einen ungerechten Vorteil
herausholen. So sind die Sozialstaatsmitglieder daran gewöhnt worden, dieses
ungemütliche Verhältnis als einen Verteilungskampf zwischen Gesunden und
Kranken, Arbeitenden und Arbeitslosen, Jungen und Alten zu sehen. Diesen
gesellschaftlichen Kollektiven, die nichts anderes sind als Kostenstellen im
Sozialsystem, haucht man sozusagen eine eigene Persönlichkeit ein und führt sie
vor und behandelt sie so, als seien sie die wirklichen Handelnden in diesem
System, als würden sie untereinander ausmachen, wer was aus welcher
Kasse und unter welchem Titel kriegt. Und die Öffentlichkeit treibt das dann –
im Moment in Bezug auf die Rentner – gerne voran zu der verlogenen Behauptung,
dass die Alten den Jungen auf der Tasche liegen. Und die Alten halten dagegen,
dass „die Jungen“ nicht immer bloß jammern, sondern erst mal so viel leisten
sollen wie sie, die sich ihren „angemessenen Lebensabend“ redlich verdient
haben.