Das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika:
A Licence To Kill!
Wie & wozu die US-Bürger unter Anteilnahme der ganzen freien Welt
einen Führer aussuchen und auch noch frei(willig) wählen
Wenn die
Prätendenten auf die Position des Führers
im Weißen Haus nur noch mit sich selber als gelungener Persönlichkeit werben, dann ist die demokratische Willensbildung
mittels Wahlkampf mit ihrem Begriff identisch geworden: Verlangt wird ein
Blankoscheck zur Machtausübung wegen unbedingtem Vertrauen in die Führungsqualität des damit betrauten.
Eigenartigerweise präsentieren sich da Charaktermasken, mit denen der
gewöhnliche Mensch im richtigen Leben den Kontakt eher meiden würde: Angeber
mit in diesem Fall nicht stinkendem Eigenlob! Der eine verbreitet Heldensagen
aus seiner mörderischen Jugend im freiwilligen Einsatz beim Zurückbomben
Vietnams in die Steinzeit, wobei er abgeschossen und von den Opfern als Kriegsverbrecher behandelt wurde, wofür ihn
seine Fans bis heute als American Hero verehren.
Der andere ist stolz auf seine steile Karriere durch die Institutionen trotz
Migrationshintergrund, bei der er ebenso behände die Gesinnungen anpasste wie
er dem mittlerweile störenden Personal in seiner Biographie die Freundschaft
aufkündigt. Vor solchen Typen liegt das Publikum platt vor Bewunderung, wobei
es ihnen nicht einmal jedes Wort glauben muss: Der Witz demokratischen Wählens
liegt nämlich gerade darin, dass der Wähler und seine journalistischen
Wahlhelfer vor allem beurteilen, wer es am geschicktesten beherrscht, sich
selbst als die gelungenste Inkarnation seines staatsbürgerlichen Bedürfnisses
nach starker Führung zu inszenieren. Und da die Politik bekanntlich kein
Deckchenstricken ist, erwartet der auf-und abgeklärte Wähler vom Herrscher
seiner Wahl, dass er auch die Drecksarbeit besser beherrscht als die
Konkurrenten.
Die sogenannten
Sachfragen, aktuell die
Weltwirtschaftskrise, das Gesundheitswesen, Energie und Umwelt dienen bei der
Auseinandersetzung um die Gunst des Wählers als Illustrationsmaterial, dass auf alle Drangsale, die dem Bürger in seinem
zivilen Leben nicht zuletzt auch „sein" Staat bereitet, ein kompetenter Führer die
passende politische Antwort parat hat. Dabei findet ganz selbstverständlich die
Verwandlung des persönlichen Interesses in
eine Problemlage des Gemeinwesens
statt, die zum Wohle der Nation gelöst
werden muss, wobei jede Menge Opfer des Normalverbrauchers eingefordert werden
müssen, weil es ihm letztendlich erst dann gut gehen kann, wenn sein Land
topfit und Weltspitze ist.
So reagieren
die Kandidaten auf den Kollaps des Kredits und die Wertvernichtung an der Börse
zwar mit ausführlichen Mahnungen, dass das „Versagen" von Wall Street unweigerlich seine negativen Auswirkungen auf Main Street haben wird, um sich dann
mitten im Wahlkampfgetöber für den 700-Milliarden-Topf starkzumachen, mit dem der
Kapitalismus in den USA aus dem Schneider kommen soll. Eben haben sich große
Teile des Finanzkapitals als faule Schulden blamiert, doch auf seine Unverzichtbarkeit
für den Reichtum der Nation lassen die Anwärter auf die Präsidentschaft nichts
kommen und setzen auf die einzige Bonität, die sie als politisches Subjekt der Ökonomie anbieten können: Das Gewaltpotential der Macht. Zur
Übereinstimmung im Prinzip –wenn das Kapital Vertrauen = Kredit vergeigt, muss die Politik mit Staatsknete den
vernichteten realen Reichtum ersetzen und damit bei den Bankern wieder
Vertrauen stiften, damit wieder business
as usual einkehrt – gehört die Parteienkonkurrenz im Detail: Obama will die
Hypotheken auslösen und behauptet mit dieser berechnenden Verwechslung der
Materie der Finanzkrise mit den Sorgen der Häuslebauer, das Übel am Ursprung
anzupacken. McCain als „Wertkonservativer" wartet mit dem moralökonomischen
Theorem auf, die „Habsucht" in Washington und Wallstreet habe die Krise trotz
seiner „unerschrockenen" Mahnungen losgetreten und fordert die Ächtung von greed (deutsch: Habgier) beim
Profitmachen und mehr responisibilty
bei den „Verantwortungsträgern", womit er sich dann wieder mit Obama in der
kompromißlosen Forderung nach einer Beschränkung der Managereinkommen vor allem
bei Mißerfolg einig wird.
Auch die
Rezepte der amerikanischen Reserveführer in den anderen nationalen Sachfragen
stehen fest auf dem Boden des American
way of Capitalism: Beide beklagen
„die Abhängigkeit der USA vom Erdöl", aber keineswegs deswegen, weil sie sich
sorgen würden um die Begrenztheit und die naturzerstörerischen Konsequenzen der
kapitalistischen Nutzung fossiler Brennstoffe: Vielmehr wollen sie neben Solar-
und Windanlagen vor allem viele neue todsichere
Atomkraftwerke bauen und die letzten nationalen Ressourcen vor den Meeresküsten
und notfalls auch in Nationalparks und Naturschutzgebieten anbohren, weil das
„Problem" für die Nation darin
besteht, dass „wir" für „unser" Öl viel zu viel Geld an Staaten verschleudern,
die „uns nicht mögen" und deren Volksmassen „unsere Ideale hassen" . Im
Feindbild einig denken da Obama und McCain an die üblichen Verdächtigen vom
Iran über die arabische Welt bis nach Venezuela. Wenn nicht nur die, sondern
vor allem auch Russland auf dem Petroleum sitzen bleiben, fördere das auch
„unsere nationale Sicherheit", weil nicht mehr die Weltmacht, sondern
ausschließlich ihre vermeintlichen und realen Gegner in der Staatenwelt erpressbar sind. Mit einer in 4
Fernsehdebatten immer wieder vorgetragenen Milchmädchenrechnung bringen die
Kandidaten ihre heiligen Eide, keinesfalls für niemanden Steuern zu erhöhen,
sondern sie für möglichst viele der eigenen Wählerklientel möglichst zu senken,
mit ihren Reformversprechen budgetmäßig zur Deckung: McCain möchte schon nach 4
Jahren die meisten Petrodollar in die USA recicled
haben und Obama träumt von der Repatriierung jener „500 Milliarden Dollar", die
China an US-Schuldentitel hält mittels Export der unter seiner leadership aufblühenden Technologie
alternativer Energiegewinnung, die in den USA „5 Millionen jobs" kreieren und im Reich der Mitte den „Schadstoffaustoß"
drastisch reduzieren werde. Damit
rechnen sich die brain trusts der
Kandidaten genügend Geld zusammen, um das Gesundheitswesen zu subventionieren und das Ausbildungswesen gründlich
zu reformieren, worauf beide Kandidaten besonderen Wert legen: Für McCain hat
die Schule nämlich keine geringere Mission als schon die ganz kleinen Amerikaner
für ihr „manifest destiny", also ihren
Auftrag vom Schicksal fit zu machen, „die
Welt zu führen". Und Obama erklärt die Überlegenheit der USA in Sachen Bildung
gar zu einem „Problem der nationalen Sicherheit": Davon soll die ökonomische
Potenz der Gesellschaft abhängen, und „es nie eine Nation" gegeben hätte, „deren
Wirtschaft darnieder lag und die trotzdem ihre militärische Vorherrschaft
aufrecht erhalten konnte." So geht in der mächtigsten Demokratie auf der Welt
der Übergang von miesen Zuständen an den Schulen für arme Leute zur
Weltherrschaft der Nation!
In der
entscheidenden außenpolitischen Sachfrage,
dem „Krieg gegen den Terrorismus", besprechen beide Kandidaten den Anspruch der
USA auf uneingeschränkte Weltherrschaft als Naturrecht,
wofür sie auch jederzeit bereit zum Krieg sind. Gerade ihre Entschlossenheit gegeben
falls „unsere besten Söhne und Töchter" „ins Feuer zu schicken" und die
Beteuerung ihrer Berufung zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte präsentiert dem
Wähler seine Stimme als eine „Lizenz zum Töten". Obama verspricht seinem Volk
den Kopf von Osama (wörtlich: „We will kill him!) auch wenn er dafür einen
Krieg gegen Pakistan anzetteln muss und McCain zählt immer wieder alle
Militäraktionen der USA auf, bei denen er „die Ehre" hatte, wenn schon nicht
persönlich dabei, so zumindest entschieden dafür gewesen zu sein. Auf dieser
Basis wird um den sachgerechten Kriegsschauplatz
debattiert: Obama wirft dem Irak-Feldzug der Bush-Administration die
vorprogrammierte Erfolglosigkeit vor und die „hohen Kosten" an Dollars und amerikanischen Toten. Stattdessen möchte
er in Afghanistan militärisch bis zum letzten Taliban eskalieren. McCain will
das auch, aber unbedingt vorher noch im Irak „gewinnen", damit die GIs „in Würde" nachhause kommen. Bei so
souveräner Entscheidungshoheit über Länder und darin lebende Völker, die das
Pech haben, die „Sicherheitslage" der USA zu tangieren, kann es niemanden
überraschen, dass die Atompolitik des Iran in Washington entschieden wird, so
der anscheinend selbstverständliche Konsens der Rivalen um die Macht im Weißen
Haus. Offensichtlich können sie auf die Zustimmung ihrer Wähler zu einer
„Analyse" der Weltlage bauen, der zufolge Atombomben im Besitz der USA und
Alliierter wie Israel „Peacemaker" sind, in Russland und China ein Problem für
die uneingeschränkte Weltkontrollmacht Amerikas darstellen und im Falle der
Islamischen Republik einen Waffengang „unvermeidlich" machen. Im Wahlkampf
haben die Kandidaten zwecks Profilierung eine Differenz aufgebaut: Obama würde
mit der Führung in Teheran noch persönlich reden, eher er den Angriffsbefehl
erteilt, wenn sie nicht spurt.
Amerikanische
Politiker sind sich mit ihrem Volk,
das aus vielen durch die gewonnenen Kriege und erfolgreichen Schlächtereien in
ihrem Wahn bestärkten Patrioten besteht,
einig darin, alles, was auf dem Globus passiert, unter dem Gesichtspunkt zu be-
und gegeben falls zu verurteilen, ob es für die USA (= „The Greatest Nation on Earth") gut oder schlecht ist. In diesem
Prinzip unterscheiden sich Angela Merkel und Frank Walter Steinmaier nicht von
den Herren Bush, McCain und Obama. Die Weltmacht
der USA bewährt sich aber in der praktischen Durchsetzung dieses Standpunkts.
Drohung mit und Ankündigung von Gewalt, also Krieg, gehören deshalb zum Repertoire politischer Vertrauensbildung
in den Vereinigten Staaten von Nordamerika; offene Kriegshetze und die glaubhafte Bereitschaft
zum Töten & Zerstören bebildern Charakterstärke und Führungsqualität eines
Typen, der (zu allem) fähig ist als Commander-In-Chief
der Nation.
Erstaunlich,
wie nachgerade das Fußvolk in den europäischen Demokratien auf den
US-amerikanischen Wahlzirkus und vor allem auf den demoskopisch in Führung
liegenden Kandidaten der Demokratischen Partei abfährt. So einen Führer wollen wir auch haben! souffliert die freie Journaille ganz
unpluralistisch den einheimischen Volksmassen, die den charismatischen Senator aus dem fernen Illinois mit ihren
nationalen Teiggesichtern vergleichen und allen Ernstes wähnen, mit einer deutschen
Inkarnation des Change-Rhetorikers
wären sie besser bedient, d.h. geführt.
Die Bewunderung für den Erfolg der patriotischen Massenbegeisterung mit ihrem rituellen
Schlachtruf „Yes, we can!" wird andererseits
mit kritischen Kommentaren europäischen Sachverstands unterlegt, die jenseits
des Atlantik die Wahrheit der Demokratie entdecken
(„Es geht nur um die persönliche Vertrauenswürdigkeit der Kandidaten!") und
daran erinnern, dass im Zeitalter der „Globalisierung" in der Staatenwelt des
demokratischen Imperialismus die Konkurrenz um Weltordnungskompetenz tobt und
dass darin die USA der Hauptkontrahent sind. Ein mächtiger US-Präsident wird
Europa womöglich ganz anders triezen, als die noch amtierende lame duck Bush im Weißen Haus.
www.gegenargumente.com
(01.11.2008)