Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora München vom 11. Februar 2008
GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 20.
Februar 2008
Massenentlassung
bei Nokia Bochum!
Der Täter: Eine finnische „Subventionsheuschrecke“
Das Opfer: Der Kapitalstandort Deutschland
Die patriotische Aufwiegelung eines Arbeiterprotests
(Teil 1)
Der finnische Konzern gibt die Schließung des Mobilfunkwerks in Bochum bekannt. 2300 Angestellte verlieren den Arbeitsplatz, 1000 Leiharbeiter ihren Job, viele weitere Stellen bei Zulieferern sind gefährdet. Nach Siemens-BenQ schließt der zweite Handyhersteller in NRW und der letzte seiner Art in Deutschland, Nokia eröffnet neue Fabriken in Ungarn und Rumänien: Eine ziemlich alltägliche Nachricht aus der Welt der globalisierten Marktwirtschaft!
Überall in der heute grenzenlosen Standortkonkurrenz
kapitalistischer Staaten erfahren Menschen die Abhängigkeit ihres
Lebensunterhalts von den Investitionen eines weltweit vergleichenden Kapitals,
um dessen Ansiedlung die Regierungen buhlen. Land & Leute werden zum Inventar
eines Standortes hergerichtet; Natur & Straßen, Löhne & Bildungsniveau,
die heimische Kaufkraft, der soziale Friede oder Lizenzen zur Umweltverpestung
werden als Standortbedingung feilgeboten. Entscheidet sich ein Konzern
für die Nation, deren Insasse man zufällig ist, und baut in der Nähe des
eigenen Wohnorts einen Industriepark mit Arbeitsplätzen, so wird Menschen das
größte anzunehmende Glück zuteil, das es in der kapitalistischen Welt gibt:
Ihnen wird Arbeit gegeben.
Auch einige Tausend Bochumer haben dieses Glück
gehabt: Vor 20 Jahren übernahm Nokia die TV-Firma Graetz und baute das Werk mit
Hilfe staatlicher Geldspritzen in eine Handyfabrik um; von damals 4500
Festangestellten ist die Hälfte übrig geblieben. Jetzt wird der Standort samt
Bahnhaltestelle „Nokia“ beerdigt. Die Arbeiter erfahren es aus dem Radio: Kein
Interesse mehr an der Ausbeutung hiesiger Nokianer, Ende der Durchsage. Die
Betroffenen sind „entsetzt“. Offenbar jedoch nicht über die gültige
kapitalistische Rechnungsweise, der ihr Lohn nun zum Opfer fällt, sondern
darüber, dass in diesem Fall die Sachzwänge und Konkurrenznöte gar nicht
vorliegen, mit denen Entlassung und Verarmung sonst gewöhnlich plausibel
gemacht werden. Nokia, heißt es, steht am Weltmarkt gut da, macht in Bochum
Gewinn und jetzt dennoch zu; trotz bombiger Geschäfte verlässt Nokia den
Standort D in Richtung Ausland. Das ist nicht fair: Heuschrecke!
Vor lauter Aufregung über einen ganz extra
geldgierigen heimatlosen Multi soll und mag keiner mehr bemerken, dass auch
dieser Fall proletarischer Verarmung auf die Kappe des Systems der ganz normalen
kapitalistischen Gewinnmaximierung geht, zu der die ehrenwerten Herren von
Nokia mit einigem Aufwand nach Deutschland gebeten worden sind.
„Trotz aller gemeinsamen Anstrengungen ist Bochum als Standort zur Fertigung mobiler Telefone im internationalen Vergleich nicht wettbewerbsfähig.“
Mit dem Stichwort ‚wettbewerbsfähig’ erinnert der
Aufsichtsratsvorsitzende Sundbäck an den Zweck der Handyfertigung sowie aller
Lohnzahlung: Arbeitsplätze werden eingerichtet, damit sie größtmögliche Gewinne
abwerfen; Löhne werden gezahlt, solange aus ihnen befriedigende Überschüsse
herauszuholen sind. Den Maßstab befriedigender Erträge demonstriert der
Vorsitzende an seiner jüngsten Bilanz: 54,9 Milliarden Euro Rekordumsatz, 7,6 Milliarden
Rekordgewinn in 2007; 40 % Weltanteil am Handygeschäft; den
westeuropäischen Markt siegreich abgegrast, der nun als „gesättigt“ gilt; neue
Weltmärkte Richtung Asien und neue Handytechnologien im Blick. Auch Werk Bochum
schreibt „schwarze Zahlen“, kriegt aber zu hören, dass hier für die Fertigung
von nur 6 % aller Geräte 23 % der Lohnkosten aufgewendet würden. Weil
die Benutzung lohnabhängiger Menschen andernorts für ein Linsengericht zu haben
ist, werden deren Klassenbrüder hier entlassen; gemessen daran war die Beschäftigung
der Bochumer ein Geschäft, aber nicht Geschäft genug!
In aller Deutlichkeit erläutert der Weltmarktführer
auch die Ziele, die mit dem Umzug erreicht werden sollen. Nicht
Misserfolg im harten Wettbewerb oder eine Krise der Mobilfunkbranche bewegt ihn
zur Verlagerung nach Osten, sondern sein Erfolg. Gegen die gerne bemühte Lesart
vom leidigen Sachzwang, dem anonymen Gesetz der Konkurrenz, dem der
Unternehmer wohl oder übel entsprechen muss, bekennt sich die Firma dazu, dass
sie in aller Freiheit ihren Erfolg sichern und ausweiten und den Weltmarkt auch
künftig dominieren will. Der Anspruch, die „operative Gewinnmarge von 17 auf
20 %“ zu steigern, ist ein vollkommen ausreichender Grund, das
Ruhrgebiet zu verlassen. Diese Spanne ist nun einmal leichter mit Hungerlöhnen
zu erreichen. Da hilft es nichts, dass Kritiker vermerken, der Anteil der
Lohnkosten in der Branche liege am Standort D „bei nur 5 Prozent“. Was heißt da
nur? Wenn die Firma es beim Lohndrücken und Rationalisieren schon so
weit gebracht hat, dann bringt sie es auch noch weiter, und dann sind eben auch
5 % Lohnkosten noch zu viel! Das Geld, das er auch in Bochum verdient hat,
nutzt der Konzern zur freien Besichtigung der europäischen Arbeiterklasse unter
dem Gesichtspunkt ihrer absoluten Billigkeit; und am Ende investiert er 60
Millionen in Rumänien.
Dagegen ist Bochum nicht wettbewerbsfähig. Und unter
diesem Urteil leidet nicht nur die Belegschaft. Die Stadt verliert ihren
zweitbesten Steuerzahler, der zuliefernde Mittelstand seine Geschäftsbasis, die
DHL ihren größten Paketkunden; am Ende der Kette gehen Bäcker, Kioske, Kneipen
kaputt. Der gesamten regionalen Infrastruktur wird der Nährboden entzogen, aus
dem sie entstanden ist: Denn alles wirtschaftliche Leben hängt am Bedarf des
Kapitals und wird mit dem Verlust dieses Bedarfs abgedreht.
„Seit 18 Jahren arbeiten Frau E. und ihr Mann 6 Tage
die Woche in 3 Schichten: Echte Nokianer! ‚Wir haben hier unsere Knochen
hingehalten, jetzt sind wir nicht mehr gut genug. Die haben uns für doof
verkauft, die haben doch jede Menge Kohle mit uns verdient. Das Werk war ja
rentabel, aber die Profitgeier können den Hals nicht voll kriegen.‘“ (SZ, 16.1.08)
Der Gegensatz der Interessen ist nicht zu
übersehen; und er wird ja auch nicht übersehen. Gleichwohl weigern sich die
Betroffenen mit solchem und ähnlichem Gejammer, sich diesem Gegensatz zu
stellen. Stattdessen heben sie den Konflikt auf eine höhere, moralische Ebene,
wenn sie sich zugute halten, selbst der Firma gegenüber niemals auf ihre
Interessen geachtet und immer brav die Deppen für jeden betrieblichen Bedarf
gemacht zu haben: Extraschichten fürs Weihnachtsgeschäft gefahren, auf
Lohnzuschläge verzichtet – alles das war selbstverständlich. Jeden Schaden
haben sie hingenommen, haben sich als Instrumente des Betriebswohls benutzen lassen
– und beklagen nun das Unrecht, das ihnen geschieht, wenn die Firma sie
trotzdem nicht weiter benutzen will. Als hätten sie sich mit ihrer selbstlosen
Treue zum Dienstherrn dessen Treue zu seinen Dienstkräften
verdient, und als würden sie nicht bloß in die Einkommenslosigkeit entlassen,
sondern um ihr höheres Verdienst betrogen.
So bleiben die Opfer der Umzugsentscheidung Sieger
im Kampf zwischen Moral und Interesse. Freilich auch nur
moralische Sieger. Aber den Sieg lassen sie sich nicht nehmen:
Den kosten sie aus. Hat die Firma nicht selber die Parole „Nokia Values:
Very human!“ in ihre Unternehmensphilosophie hineingeschrieben? Jetzt üben
die Chefs Verrat an ihrem eigenen Kalenderspruch – „Die sollten sich was
schämen!“ Die Macht über den Betrieb haben sie zwar, die Manager des
Kapitals; daran hat keiner der Betroffenen auch nur den geringsten Zweifel, von
Widerstand dagegen ganz zu schweigen. Aber zur Betriebsfamilie
gehören die nicht; aus der entlässt die Bochumer Mannschaft ihre
finnischen Häuptlinge: „Wir sind Nokianer, ihr nicht!“
Doch trotz alledem: Davon können die demnächst
Entlassenen sich nichts mehr kaufen. Das wissen sie selbst am besten. Es heißt
Abschied nehmen. Nicht von der Kollegenfamilie, sondern von der Einkommensquelle.
Und das tun sie auch. Nicht mit einem knappen „Servus!“, sondern mit jenem zunehmend
beliebten dummen Spruch, der genau die zwei Sachen ausdrückt: die
widerstandslose Unterwerfung unter den GAU der eigenen
Lohnarbeiterexistenz und die allmähliche Gewöhnung daran: „Die
Hoffnung stirbt zuletzt!“ erzählen sie jedem Reporter, der sie nach ihren
Empfindungen fragt.
Den Gestus der Hoffnung, der unmenschliche Weltkonzern
möchte doch noch ein Einsehen haben mit seinen braven Mägden und Knechten,
machen Gewerkschaft und Betriebsrat zu ihrer Sache. Sie blasen zum Kampf um
die Erhaltung des Standorts Bochum und seiner kostbaren Arbeitsplätze. Und
so sieht ihr Kampfeinsatz aus: Sie bombardieren die Geschäftsleitung in
Finnland und zugleich, dies vor allem, die aufgeregte Öffentlichkeit ihrer
Region mit alternativen Geschäftskonzepten, die die Fortführung des Bochumer
Betriebs auch nach den anspruchsvollen Maßstäben und unerbittlichen Vorgaben
des Unternehmens lohnend machen würden. Mit Bochumer Fleiß und Lohnverzicht
würde sich vielleicht nicht ganz das rumänische, aber auf jeden Fall das
ungarische Kostenniveau erreichen lassen – das rechnen sie den „unersättlichen
Profitgeiern“ im Firmenvorstand vor. Sie versprechen verdoppelten Output bei
gleicher Belegschaftsstärke. Sie warnen vor einer Fehlkalkulation mit
rumänischen Billiglöhnen, die doch jetzt schon schneller ansteigen würden als
jemals ein deutscher Leistungslohn.
Für ihre rettenden Ideen fordert die lokale
Belegschaftsvertretung die Solidarität der Kollegen an anderen europäischen
Nokia-Standorten und gibt sich enttäuscht, dass die ausbleibt. Der deutsche Betriebsrat
macht Standortkonkurrenz gegen andere europäische Produktionsstandorte so, wie
Betriebsräte eben Standortkonkurrenz betreiben können: indem sie die Interessen
der von ihnen Vertretenen opfern, dem Arbeitgeber Sonderangebote machen und
andere Belegschaften unterbieten. Und dafür erwarten sie die Unterstützung der
Arbeitervertreter anderer Konzern-Standorte – womöglich einschließlich der
ungarischen und rumänischen. Die Solidarität, die die auswärtigen Kollegen
schuldig bleiben, organisiert die IG-Metall auf Gemeindeebene: Sie inszeniert
eine Menschenkette, die das Werk „schützend“ umzingelt. Und sie redet von Streik
– mal für den Erhalt des Werkes, mal für „die teuerste Betriebsstilllegung
der Geschichte“ –, weil eine moderne Gewerkschaft eben so tönt, wenn
Massenentlassungen anstehen und in Würde abgewickelt sein wollen. Denn selbstbewusste
Belegschaften gehen „Nicht Ohne Kampf Ins Aus!“
– das sitzt!
Es brennt also mal wieder, das Ruhrgebiet. Und
deswegen ist es auch kein Zufall, wer den Nokianern für diesen Kampf als
Bündnispartner einfällt: „Jetzt muss der Rüttgers kommen!“ Und siehe da:
Der wartet die Steilvorlage nicht ab, sondern ist gleich da.
Hierzu mehr im zweiten Teil dieser Analyse.
Die patriotische Aufwiegelung eines
Arbeiterprotests (Teil 2)
In der letzten „Analyse“ wurde der harte
ökonomische Kern einer Werksschließung gegen die Legendenbildung der
öffentlichen „Solidarität mit den Betroffenen“ klargestellt: Das Kapital beutet
da die Arbeitskraft aus, wo es sich am meisten rentiert – für das Kapital!
Dagegen hat im Normalfall kaum jemand einen Einwand. Im Gegenteil: Die
Belegschaft legt sich krumm für das Ergebnis des Unternehmens und die Politik
fördert den Standort.
Kein Zufall also, wer der Mehrheit der Nokianer
sofort als Bündnispartner einfällt: der Landesvater. „Jetzt muss der
Rüttgers kommen!“ Und der wartet die Steilvorlage nicht ab, sondern ist
gleich da.
Schon merkwürdig: Gegen profitgierige
Existenzvernichter pusten die Opfer in ihre Trillerpfeifen; vom Politiker, der
die Freiheit Nokias zum Profitmachen schützt, lassen sie sich in den Arm nehmen.
Der Macht des Kapitals sehen sie sich hilflos ausgesetzt; von der politischen
Macht, die Multis als Mehrer des Wachstums schätzt und auf den Standort bittet,
erwarten sie Schutz. Man muss schon sehr konsequent davon absehen, dass der
kapitalistische Staat selbst die Lohnabhängigen der globalen Konkurrenz
aussetzt, um ihn als Schutzherrn der Geschädigten anzurufen. Rüttgers
passt der Ruf nach Rettung natürlich gut: Er greift als Anwalt
betroffener Arbeiter zum Megaphon, um seine Schützlinge in wenigen Schritten
auf den nationalistischen Gehalt zu verpflichten, den ihre Unzufriedenheit annehmen
muss, wenn sie seinen Respekt und seine Unterstützung genießen will. Zuerst
gibt der Landesvater der Belegschaft voll Recht in ihrer verkehrten Klage über
den finnischen Profitgeier, der angeblich keine gescheiten
kapitalistischen Gründe für seine Republikflucht vorweisen kann.
„Wenn der Aufsichtsratschef gestern darlegt, man
müsse weggehen, weil hier die Kostenstruktur bei den Arbeitskosten im
Ruhrgebiet nicht stimme, und gleichzeitig erklärt, dass der Anteil der
Lohnkosten an den Produktionskosten unter 5 % ist, dann fühle ich mich auf
den Arm genommen. Das kann nun wirklich nicht sein! Das ist Unsinn!“
Der Regierungschef, dessen Vorgänger Nokia den
Standort Bochum als Schnäppchen angeboten hat und der selber dabei ist, dem
Elektronikkonzern neue Sonderangebote zu machen, tut so, als verstehe er die
Welt nicht mehr, wenn Nokia auch anderswo Schnäppchen jagt. Dass andere Länder
Ausbeutungs-Vorteile zu bieten haben sollen, die NRW nicht bieten kann, das
kann nicht sein. Rüttgers bekräftigt seinen Glauben an die Unschlagbarkeit des
Malocher-Menschenschlags, den er regiert, und spart nicht mit rassistisch
eingefärbtem Lob.
„Mir kann keiner erzählen, dass die Arbeitnehmer
in Rumänien genauso fleißig, genauso gut, genauso engagiert sind wie hier die
Mitarbeiter bei Nokia in Bochum.“
Nach diesem Einstieg, den die Nokianer offenbar
schmeichelhaft finden, hebt der Landesvater ihre Betroffenheit auf die höhere
nationale Ebene, indem er sie als Ruhrgebietsmenschen und Deutsche anspricht:
Was ihnen widerfährt, ist mal wieder so ein Fall von „Schattenseite der
Globalisierung“, unter der der Standort Deutschland im Allgemeinen, das
Ruhrgebiet im Besonderen zu leiden haben. Der Schaden der Entlassenen ist weit
mehr als bloß das: Er ist Teil der Beschädigung des allerhöchsten Gutes, des
nationalen Allgemeinwohls, durch einen ausländischen Konzern. So rettet
Rüttgers die Würde der zukünftigen Hartz-IV-Empfänger; mit ihrem Jammer
setzt er sie ideell ins Recht; von ziemlich weit oben herab beglaubigt er ihr
beleidigtes moralisches Rechtsempfinden; das ist doch schon mal ein schöner
Trost. Und als nordrhein-westfälischer Machthaber hat der Landeschef seinen Landeskindern
noch mehr zu bieten, nämlich den Schein einer machtvollen Gegenoffensive, einer
Strafe für Geldgier, die die finnischen Profitgeier an ihrer empfindlichen
Stelle trifft: „Rüttgers warnte Nokia, sich das Image einer
‚Subventions-Heuschrecke‘ zu verschaffen.“ Dabei geht es nicht einmal bloß
um das geschäftsschädigende Image, das er mit seiner landesväterlichen
Autorität dem Unternehmen anhängen könnte. Rüttgers kündigt eine rückwirkende
Prüfung der 88 Millionen Euro Subventionszahlungen an, mit denen die
Landesregierung seinerzeit Nokia nach Bochum gelockt hat; er lässt einen
Verstoß der Firma gegen gewisse Bedingungen re-konstruieren, an die die
Geldgeschenke des Landes geknüpft waren… Das ist schon gelungen: Derselbe
Staatsmann, der für eine Politik eintritt, die dem Kapital die weltweite
Freiheit der Standortwahl eröffnet, und der diese Wahl mit ganz legalen Bestechungsgeldern
erfolgreich beeinflusst hat, der also weiß und damit kalkuliert, auf welche
Reize ein Multi positiv reagiert – der führt sich auf, als hätte Nokia mit
seinem Standortwechsel einen ewigen Treueschwur gebrochen. Dabei hat die Firma
bloß den politischen Zuhälter gewechselt.
Andere deutsche Spitzenpolitiker springen auf
den Zug auf: Sie schließen sich der Drohung an, den Ruf des doch eigentlich
hochgeschätzten Weltkonzerns zu schädigen, und tragen dazu bei, was sich für
sie schickt: SPD-Chef Beck erzählt Leuten, die nicht wissen, wovon sie
nächstens Miete zahlen sollen, Nokia habe „den deutschen Steuerzahler
geschädigt“; der Bundesfinanzminister erfindet das neue Schimpfwort
„Karawanenkapitalismus“ und geißelt dessen „hemmungslose Gewinnmaximierung;
die Kanzlerin droht, „in Helsinki anzurufen und viele offene Fragen zu
klären“. Der geistige Schulterschluss zum großen nationalen WIR, das sich
von finnischen Profitgeiern nicht für dumm verkaufen lässt, ist
damit auf gutem Weg. Die patriotische Empörung erreicht ihren Höhepunkt in
einer Kampagne, bei der sich wirklich jeder Bürger mit dem Herzen am rechten
Fleck engagieren kann: ‚Das kauf ich euch nicht ab!‘ „Ich kann mir nicht
vorstellen, dass noch ein Deutscher bei Nokia kauft.“ (Kraft, SPD). – „Seehofer
und Struck: Erste Politiker geben ihr Handy zurück!“ (Bild) „No, Nokia,
so nicht!“ (Demo). Der Verbraucherminister ruft zum Kaufboykott, die
mitdenkende Basis plant eine erste öffentliche Telefonverbrennung. Leserbriefe
schildern das geile Gefühl, eines der bis gestern weltbesten Handys ins Klo zu
spülen. Sollen den Dreck doch die Rumänen kaufen, meint der aufgeklärte
Normalverbraucher im WAZ-Chatroom.
Derweil verhandeln Rüttgers Leute mit den
„gewissenlosen Profitgeiern“ längst ganz gesittet über neue
Geschäftsperspektiven in Bochum. Auch Nokia versteht die Dialektik der
Rufschädigung durch Politiker eines Gastlandes, die sich durch ein paar
investierte Millionen wieder ins Gegenteil verkehren lässt. Es ist ja auch
nicht so, dass es auf dem Standort Deutschland gar nichts gäbe, was der Weltkonzern
für seinen Profit nutzen könnte – nur Handys sind out. Eine Stiftung über
einige 10 Millionen, ein Technologiepark auf dem alten Werksgelände, ein
Entwicklungszentrum für Autoelektronik zusammen mit Bosch und BMW und ein paar
hundert Arbeitsplätze für Ingenieure. Das wird Rüttgers nächstens als „Hoffnung
für Bochum“ und „Rettung von Arbeitsplätzen“ verkaufen. Und als Beweis für das
Verantwortungsbewusstsein einer Weltfirma.
Die freie Presse erfüllt ihren öffentlichen Auftrag
zur Meinungsbildung: pluralistisch, also konstruktiv arbeitsteilig. Die eine
Hälfte gibt der Empörung recht, um sie zum korrekten Verständnis des Skandals
anzuleiten; die andere durchschaut die unechte Theatralik der
„Heuschrecken“-Kritik und rettet den globalen Kapitalismus vor unsachgemäßer
Rufschädigung, indem sie mit dem Gewicht des ökonomischen Sachverstands jede
Kritik als verfehlt und kontraproduktiv zurückweist. Zwei Musterexemplare
deutschen Zeitgeistes 2008.
WAZ, 16.1.: „Wieder zeigt die Marktwirtschaft
ihre hässlich-brutale Fratze. Das Vorgehen des finnischen Nokia-Konzerns
erinnert fatal an den Fall Siemens/BenQ, wo sich Manager alle Mühe gaben, den
Betroffenen das Gefühl zu vermitteln, sie seien bloß Bauern auf dem Schachbrett
der Globalisierung. Gewiss, betriebswirtschaftliche Entscheidungen sind oft
hart. Gleichwohl ist diese Nacht-und-Nebel-Schließaktion in ihrer
kühlstkalkulierenden Art zu verurteilen. So kann sich nur ein Konzern
verhalten, der die Zelte im Lande D abbricht. Noch gestern waren nicht alle
Mitarbeiter über den drohenden Verlust ihres Arbeitsplatzes informiert. So
schafft man kein Vertrauen in ein Unternehmen, geschweige denn in die
Marktwirtschaft.“
Von der Systemkritik zur Lobhudelei in 99
Sekunden! Die Marktwirtschaft zeigt, nicht zum ersten Mal, wie
menschenfeindlich sie ist. Das muss der Kommentator der WAZ einmal ganz
deutlich sagen – um gleich darauf seine Sorge auszudrücken, die Leute könnten
das womöglich auch so sehen. Seine Parteinahme gilt dem guten Ruf des Kapitalismus,
nicht dem Schicksal seiner Opfer. Diesen Ruf – den Vorwurf muss die finnische
Firma sich gefallen lassen – schädigt Nokia in unverantwortlicher Weise:
Gerade, weil sie nichts anderes sind, käme es darauf an, dass die
lohnabhängigen Schachfiguren nicht das Gefühl kriegen, sie seien welche.
Reicht es nicht, dass Kapitalismus oft hart ist, muss es auch noch so aussehen?
Keine schriftliche Einladung zur Entlassungsfeier, kein warmer Händedruck zum Abschied,
geheimniskrämerische Informationspolitik – so machen Leuteschinder sich keine
Freunde! Schon gar nicht bei unserer freien Presse: An der bleibt es mal wieder
hängen, Vertrauen in die Marktwirtschaft zu stiften, wenn die Macher schon
wieder das Einseifen der Opfer vergessen haben. Gottlob keine allzu schwierige
Aufgabe: Gemeinsam mit den Lesern empört man sich darüber, dass die zuständigen
Praktiker und Nutznießer des Systems es genau daran fehlen lassen...
Die andere Variante:
STERN, 6.2.: „Robin Rüttgers im
Subventionswahn! Die künstliche Empörung über den Nokia-Abzug gipfelt in der
Rückforderung von 41 Mill. €. Die angegebenen Gründe sind fadenscheinig
und durchsichtig populistisch. Am Ende könnte das ganze Land und der
Wirtschaftsstandort NRW unter dem selbsternannten Arbeiterführer leiden.“
Die Illustrierte durchschaut und entlarvt die
soziale Heuchelei des Robin Hood aus dem Landeshaus und kann eines nicht
leiden: nicht so sehr, dass Rüttgers seine Parteinahme für die Gekündigten berechnend
heuchelt, sondern seine geheuchelte Parteinahme für die Opfer.
Statt mit volksfreundlichen Sprüchen falsche Hoffnungen zu wecken, hätten
Politiker knallharte Aufklärungsarbeit zu leisten; nach dem Muster: „Was
soll das Geschrei, so geht Marktwirtschaft.“ (Die Welt) Alles andere ist
von Übel: Wer sich als Politiker auch nur zum Schein mit den großen Kapitalen
anlegt, riskiert, dass die erst recht abwandern. Ein Ministerpräsident, der den
Arbeiterführer gibt, hat seinen Beruf verfehlt. Knallharte Freunde und Förderer
des großen Geschäfts – solche Führer braucht das Land!
So sind sie, unsere Medien: gleich mehrstimmig gnadenlos
kritisch, wenn das System mal wieder eine seiner hässlichsten Seiten zeigt
– gegen jeden falschen Ton.