Gegenargumente Düsseldorf


Warum verhungern täglich 100.000 Menschen?

 

Auf diese Frage gibt Hermann Lueer eine frappierend einfache Antwort: Der Zweck marktwirtschaftlichen Produzierens sei nicht die Versorgung der Menschen mit Gebrauchsgütern. Vielmehr seien diese bloß Mittel zur Produktion von abstraktem Reichtum, von Geld, das alleine den Zugang zu den sachlichen Reichtümern der Welt ermöglicht.

Die Produzenten des abstrakten Reichtums sind laut Lueer von den „Früchten“ des kapitalistischen Reichtums ausgeschlossen. Der Kapitalist macht sich den Umstand zu Nutze, dass die von ihm gekaufte Arbeitskraft während ihrer Arbeitszeit mehr Wert produzieren kann, als zu ihrer eigenen Reproduktion notwendig ist. Der erzielte Mehrwert fließt in die Taschen des Gewinnmaximierers. Um seinen eigenen Gewinn zu steigern oder mit der Konkurrenz mithalten zu können, versucht der Unternehmer die Mehrarbeitszeit auf Kosten der notwendigen Arbeitszeit, die der Reproduktion der Arbeitskraft dient, zu verändern. Verlängerung der absoluten Arbeitszeit, Intensivierung der Arbeit, Rationalisierung mit Rausschmiss von Arbeitskräften und Lohnsenkung sind die probaten Mittel des Kapitals, das „Kosten-Nutzen-Verhältnis“ in seinem Sinne zu verändern.

Während die Arbeitskräfte, die sich für die Reichtumsproduktion des Unternehmers engagieren dürfen, bei entsprechendem Organisationsgrad und Bewusstsein noch ein halbwegs erträgliches Überleben vom Kapital abtrotzen können, fehlt den „Überflüssigen“ jede Möglichkeit, ihr Leben mit eigenen Kräften zu bewältigen, weil sie außer der Möglichkeit des Verkaufs ihrer Arbeitskraft keine Mittel besitzen, ihr Leben zu finanzieren. Sie sind auf staatliche Unterstützung angewiesen, die gewährt wird, wenn es in die Kalkulation des Staates passt. Denn auch die „Überflüssigen“ können durchaus noch einen Nutzen für die Gesellschaft erzielen. Sei es als Soldaten oder brave demokratische Wähler, sei es als industrielle Reservearmee, die die Lohnkosten drückt, oder in Form der Familie als Reproduktionszelle der Arbeiterklasse.

Kommen die „Überflüssigen“ ihrer gesellschaftlichen Bestimmung nicht nach, wird ihnen die Stütze gestrichen. In weiten Teilen der Welt hat die „überzählige“ Bevölkerung vom politischen und marktwirtschaftlichen Standpunkt überhaupt keine Bedeutung. Sie verhungert oder stirbt an behandelbaren Krankheiten.

Gegen diese Verhältnisse, die jedem aufmerksamen Bürger bekannt sind, helfen nicht Rufe nach Gerechtigkeit. Denn gerecht ist diese Welt organisiert. In der Regel bekommt jeder für das Produkt, das er verkauft, unter rechtstaatlichen Verhältnissen den entsprechenden Gegenwert in Geld. Nur haben diejenigen Pech, die nur sich selbst als Arbeitskraft zu verkaufen haben, die niemand will, oder deren Produkte auf dem Weltmarkt nichts wert sind.

Wenn die Argumente Lueers gegen die Marktwirtschaft an einen verstorbenen Kritiker des Kapitalismus aus dem vorletzten Jahrhundert erinnern, so ist das kein Zufall. Dieses Büchlein bietet einen hervorragenden Einstieg in die Lektüre des 1. Bandes des Kapitals von Karl Marx.

 

 

Hermann Lueer: Warum verhungern täglich 100.000 Menschen? Argumente gegen die Marktwirtschaft. 166 Seiten, 13,80 Euro. Edition Octopus, Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat, Münster 2007, ISBN 978-86582-517-9


www.gegenargumente.com (18.03.2008)