Artikel aus der neuen Versus:
Unruhen in Tibet – Peking am Pranger
Wie religiöser Fundamentalismus und gewalttätiger Separatismus
auch einmal in Ordnung gehen
Wie
war das noch neulich, als wir uns über unaufgeklärten religiösen
Fanatismus aufgeregt haben? Als wir es kaum ausgehalten haben, dass bei
uns eine „Parallelgesellschaft“ existiert, in der Mädchen
zwangsverheiratet werden? Als wir eine Riesen-Diskussion über den Bau
von Moscheen in unseren Städten angezettelt haben? Als wir es höchst
verdächtig fanden, dass gläubige Mohammedaner ihren Vereinen Geld
spenden, und als wir froh waren, dass unser Staat die ganze ‚islamische
Mischpoke‘ überwacht, schikaniert und zwangs-integriert?
Aber natürlich: Das alles gilt
ja dieser Religion! Dem Islam! Klar doch, der ist eine ganz
gefährliche
Geschichte. Wenn da die Gläubigen mitten in der „modernen
Welt“ mit
Kopftüchern herumlaufen, ständig beten wollen und komischen
Geboten
folgen, zeigt das Verbohrtheit und Rückwärtsgewandtheit,
kurz: die
ganze Unaufgeklärtheit dieser Religion. Vor allem gegen den
möglichen und ständig in der Luft liegenden Übergang zum
religiösen Fanatismus ist deshalb Wachsamkeit geboten und für
die staatliche Aufsicht so gut wie jedes Mittel recht.
Dagegen Tibet.
Ganz was anderes natürlich. Unschuldige und einfach super-fromme
Menschen, die sich bloß dafür einsetzen, ihre Religion frei ausüben zu
können. Toll, wie diese Leute seit Jahrhunderten an ihrem Glauben
festhalten und ihm ihr ganzes Leben unterordnen. Beeindruckend, wie
viele von ihnen schon im Kindesalter zu Mönchen und Nonnen werden, die
ihre Tage damit verbringen, „om mani padme hum“
zu murmeln. Wie sie von den Opfern einer bettelarmen Bevölkerung leben,
ihr Land voll Kirchen und Klöster stellen und unbeirrt die Rückkehr
ihres reinkarnierten Buddha verlangen.
Und
das alles gegen eine brutale chinesische Regierung. Die duldet das
religiöse Opium des tibetischen Volkes zwar als „kulturelle
Autonomie“.
Aber wir wissen, dass das nur Schein ist. In Wahrheit will sie ihr
ekelhaftes kapitalistisches Leben auch dieser Provinz aufnötigen.
Sie
baut eine supermoderne Eisenbahn nach Lhasa, ermuntert ihr riesiges
chinesisches Volk, in der menschenleeren Westprovinz Geschäfte zu
machen und lässt massenhaft Touristen ins Land, die sich die
buddhistischen Klöster anschauen sollen. So will das Regime in
Peking
dem religiösen Fanatismus seiner tibetischen Buddhisten das Wasser
abgraben. Schlimm! „Kultureller Völkermord“! –
das sagen Leute, die es nicht aushalten, wenn irgendwo in dieser Welt
kein McDonald’s steht.
*
Apropos:
Wie war es noch mal mit dem „Selbstbestimmungsrecht der Völker“?
Basken, Kurden, Serben in Bosnien und Kosovo? Ach nein, Quatsch – für
die gilt es ja nicht. Die leben in demokratischen bzw. mit uns
verbündeten Staaten, haben also per definitionem keinen
anerkennenswerten Grund für separatistische Ambitionen. Ihre
Staatsgewalten bekämpfen so etwas also „zu Recht“, weshalb „wir“ den
Staatsterror anerkennen, uns öffentlich um seinen Erfolg sorgen und
praktisch unterstützen.
Andererseits:
Dass andere Staaten, etwa das alte Jugoslawien und das neue Russland
ähnlich über ihre Staatskonstrukte denken und sich glatt Hoheit über
ihre Völker und Stämme anmaßen, geht natürlich nicht. Im Kosovo
beispielsweise lebt unzweifelhaft ein Volk, dem wir dabei helfen
müssen, sich selbst zu bestimmen. Auch Tibet scheint so ein Fall zu
sein …
*
Und
wie war das noch neulich beim Protest gegen den G 8-Gipfel? Als ein
paar wenige Mitglieder der „Zivilgesellschaft“ ihren Unmut
gegen die
Politik der Weltmächte etwas wahrnehmbar machen wollten –
neben einem 12-Millionen-Zaun, einem riesigen und schwer bewaffneten
Polizeiaufgebot und nach
einer ganzen Latte präventiver Hausdurchsuchungen und
Verhaftungen? War
da nicht innerhalb von Minuten klar, dass ein einziges brennendes
Polizeiauto in Rostock den gesamten Protest endgültig desavouiert
hat
und alle Freiheiten gegen „Gewaltexzesse“ dieser Art
erlaubt und
geboten waren?
Ach ja, natürlich – das waren unsere
Staatenlenker und ihr Gewaltmonopol, das sie gegen jeden kleinsten
Kratzer und Ausraster von unten mit aller Erbitterung und allem Recht
dieser Welt verteidigen.
Ganz anders
natürlich in Tibet. Brennende Geschäfte und Banken (so etwas gibt es
bei uns schon lange nicht mehr!) setzen dort nicht die religiösen
Fanatiker ins Unrecht. In Lhasa beweisen uns die Ausschreitungen der
Tibeter eindeutig, wie sehr sie von China unterdrückt werden, weshalb
sie „ohnmächtig“ zu solchen Mitteln greifen ,müssen‘. Tote werden von
vornherein und reflexartig der Blutbilanz der chinesischen Staatsmacht
zugezählt und bleiben dort auch als moralische Schuld stehen, wenn Tage
später zugegeben wird, dass es sich bei den ersten Opfern um
Han-Chinesen handelt, die durch rassistische Gewalttaten der
,eigentlich‘ friedlichen Tibeter umgekommen sind.
*
Die
Parteilichkeit unserer freien Öffentlichkeit ist also wie immer super
drauf. Die Hirne der hiesigen Menschen sind so gut sortiert, dass die
Bild-Zeitung ohne jedes Problem die serbischen Aufstände in Mitrovica
und die tibetischen in Lhasa in einen dicken schwarzen Kasten
setzen kann. Jedermann kapiert, dass es sich auf dem einen Bild um
„gute Rebellen“ und „böse Ordnungskräfte“ und auf dem anderen um „böse
Randalierer“ und „gute Panzer“ handelt – auf welchem gleich wieder?
So
fortgeschritten ist man in China, dem die Pressefreiheit ja ,noch‘
fehlt, in der Tat nicht. Hier muss die Regierung, um die chinesischen
Menschen auf ihre Sicht des Tibetproblems einzuschwören, zu völlig
hinterwäldlerischen Methoden greifen; sie zensiert, sperrt
Internetseiten und lässt ihre staatlichen Medien „einseitig“ Bericht
erstatten. Was sie nicht zensiert, sondern offen ins Netz
stellt (Videoaufnahmen der „Unruhen“ in Lhasa und anderswo, Beweise für
die frechen Fälschungen westlicher Blätter und Nachrichtendienste),
brauchen wir uns allerdings gar nicht erst anzuschauen – die Absicht
ist klar, weshalb die schönste Medienkritik uns überhaupt nicht
beeindrucken kann.
*
Das
„ Dach der Welt“ gehört jedenfalls – so viel steht fest – zukünftig in
die Kategorie „viel versprechender Unruheherd“. Hier handelt es sich
eindeutig nicht um eine Religion, der religiöser
Absolutheitsanspruch, ihr Zusammenhang zu ökonomisch überholten
Familien- und Clanstrukturen zum Vorwurf zu machen sind – wie das beim
viel gescholtenen Islam der Fall ist. Und es handelt sich auch nicht um
eine Ethnie, deren Streben nach Autonomie und Staatlichkeit
lästig ist und von einer fortschrittlichen Zentralgewalt zu Recht‘
unterdrückt werden muss – wie bei Basken, Kurden, Serben in Bosnien und
Kosovo.
So
wenig wie in diesen Fällen mit umgekehrter Stoßrichtung liegt das an
Religion oder Ethnie selbst. Dass hier weltweit „Sympathie“ mit einem
Völkchen und seinen rot gekleideten Mönchen laut wird, liegt an seinem Gegner,
der chinesischen Staatsmacht. Mit der will man einerseits Geschäfte
machen, andererseits stört man sich schon sehr und zunehmend daran,
dass sie selbst ein ziemlich potenter kapitalistischer Staat und eine
kommende Weltmacht ist.[] Da passt ein kleiner ethnisch-religiöser Unruheherd in diesem Land einfach wunderbar.
Der
chinesische Staat hat für den Sommer nämlich „die Jugend der Welt“ zu
seinen ersten olympischen Spielen eingeladen, um sich damit samt seinen
in jeder Hinsicht gewachsenen Kräften zu feiern und weltöffentlich
Anerkennung einzuheimsen: Neben allen ökonomischen und politischen
Erfolgen will sich die Volksrepublik mit Olympia als von allen
anerkannte und „sympathische“ Nation präsentieren. Die Vergabe der
Spiele nach Peking gesteht China eben das auch ein Stück weit zu;
allerdings haben die westlichen Staaten diese Konzession von vornherein
mit der offen ausgesprochenen Absicht verknüpft, der Kommunistischen
Partei in Sachen Pressefreiheit und Menschenrechte gehörig in die Suppe
zu spucken. Nun steht der olympische Sommer vor der Tür und angesichts
des absehbaren Erfolgs Chinas hält man ihn im Westen kaum aus. Schon
seit Monaten wird immer wieder die Frage eines möglichen Boykotts
ausgestreut – mal wegen der „Menschenrechte“, mal wegen „Darfur“. Da
kommen die „Tibet-Unruhen“ schon sehr passend. Die Mönche hinter ihren
Klostermauern haben eins und eins zusammengezählt: die diplomatischen
Signale der Dalai-Empfänge bei Merkel und Bush[]
und die weltöffentliche Aufmerksamkeit wegen Olympia – und
nutzen ihre
„Chance“. Sie wittern die einmalige Chance für ihr
nicht ganz
unbescheidenes Anliegen – immerhin verlangt der Dalai Lama
„echte Autonomie“ für ein Gebiet, das etwa drei Mal so
groß ist wie die heutige „Autonome Region Tibet“.
*
Also
ist unsere schöne Welt um einen ,Konflikt‘ reicher – und die westliche
,Aufmerksamkeit‘, die von China eine Zügelung seines „brutalen
Vorgehens“ verlangt, sorgt dafür, dass er vorläufig am Köcheln bleibt.
Tag für Tag wird aufgeregt berichtet – und wenn es nichts zu berichten
gibt, fallen wir darauf natürlich nicht herein. Von angeblich
befriedeten Zuständen lassen wir uns nicht täuschen: Hier herrscht
„Friedhofsruhe“ und wer die chinesische Regierung nicht anklagen will,
„hat Angst“. Dass China inzwischen wieder Journalisten nach Tibet
lässt, ändert auch nichts, denn „das Regime“ hat viel zu verbergen und
bleibt uns jede Menge „Aufklärung schuldig“. Schön auch, dass wir
Peking in den nächsten Monaten immer mal wieder mit ausführlichen
Berichten von einer 80-Mann-Demonstration in Bonn-Bad Godesberg oder
einer Lichterkette in Radebeul ärgern können.
Eins
ist damit auf alle Fälle gelungen: Das schöne Image, das sich China mit
„den Spielen“ weltöffentlich verschaffen will, ist erfolgreich
angekratzt. Die weiteren Aussichten sind glänzend: Kein
Fernsehkommentar zu Olympia mehr, der nicht ein paar Tränen fürs „freie
Tibet“ weint; vermutlich kein Athlet, der um eine ausgewogene
moralische Stellung zu dieser Frage herumkommt, wenn er sich seine
Medaillen abholen will; am Ende wahrscheinlich auch noch ein paar
„Freiheit-für-Tibet“-Fans, die die Gunst der Stunde wahrnehmen und sich
auf dem olympischen Rasen verhaften lassen. So wird den Chinesen auf
alle Fälle das verdorben, worauf es ihnen mit der Ausrichtung der
Spiele ankommt – möglicherweise viel geschickter als mit einem Boykott,
den man sich trotzdem natürlich vorbehält und von einem angeblichen
Wohlverhalten Pekings abhängig macht: Eine diplomatische Zwickmühle
allererster Güteklasse.
*
Bei
Tibet allein muss es ja nicht bleiben. Zeitungsleser werden
zwischenzeitlich informiert, dass es schon lange auch in der
westchinesischen „Autonomen Provinz Sinkiang“ ein zu gewaltsamem
Widerstand gegen Peking bereites Volk gibt: die muslimischen Uiguren.
Deren Unterdrückung hat man China bisher im Rahmen des weltweiten
Kampfs gegen „islamischen Terrorismus“ gestattet – eine Einordnung, die
heute vielleicht überdacht werden sollte! Die westliche Presse kriegt
sich jedenfalls fürs erste nicht mehr ein, den chinesischen
„Machthabern“ eine ganze Latte interner Auseinandersetzungen an den
Hals zu wünschen. Als Mittel einer machtpolitischen Auseinandersetzung
mit der kommenden Weltmacht China ist unseren aufgeklärten Journalisten
in ihren Fantasien dabei einfach alles recht – wie reaktionär, religiös
borniert oder brutal auch immer.
PS: Wer das anders sieht, ist herzlich eingeladen, mit uns darüber zu diskutieren:
Tübingen: dienstags 19 Uhr in der Hausbar im Keller des Wohnprojekts Schellingstrasse 6;
Freiburg: montags 19.30 Uhr im Konf-Raum u-asta-Gebäude, Belfortstr. 24
Ausführlich wird das doppelbödige Verhältnis von Benutzen und
Eindämmen, das die potenten kapitalistischen Staaten zu China haben,
erklärt in: „China will Weltmacht werden“, GegenStandpunkt 3 06
www.gegenargumente.com
(10.04.2008)