Überlegungen über das Verhältnis von Emanzipation und kollektiven
Identitäten
Identität ist die gewaltsam hergestellte Gemeinsamkeit von
Individuen
Sagt man über einen Menschen, er habe eine Identität, dann kann das
vernünftigerweise meinen, dass er sich als denkendes Wesen in einem Körper
weiß, dass dieses Wesen in dieser Einheit einiges mitzumachen hat und dies auch
bereits getan hat, ehe es so recht angefangen hat, begrifflich zu denken.
Menschen wird aber noch eine andere Art Identität zugeschrieben: "Wir
brauchen die emotionale Intelligenz der Frauen" (Heiner Geissler),
"Der Inhaber dieses Passes ist Deutscher" (der Staat), "Wer hat
Angst vorm schwarzen Mann?" (Kinderspiel), "Das schwule U-Boot in den
sicheren Hafen der Ehe einlaufen lassen" (Volker Beck) Usw. Usf. Bei
diesen und anderen Beispielen ist Gewalt im Spiel.
Menschen werden als Gruppen zusammengefasst: Als Geschlechter, Völker, Rassen,
Hetero- oder Homosexuelle und noch einiges mehr. Und das ist mehr als die
harmlose Angabe, welche physischen Eigenschaften ein Mensch hat, wie stark
pigmentiert seine/ihre Haut ist, wo er/sie lebt und in wen er/sie sich
verliebt. An diesen Sortierungen entscheidet sich einiges an materiellen
Umständen und psychischen Zustände und auch der Dauer der eigenen Existenz.
"Wir werden nicht als Frauen geboren, zu Frauen werden wir
gemacht"
Mit dieser Wahrheit haben feministische Kritikerinnen bereits über dreißig
Jahren die Unterschiede, die von verschiedenen Gruppen behauptet werden, als
gesellschaftlich hergestellte entlarvt. Menschen werden unterschiedslos
darunter subsumiert, Teil eines Kollektivs zu sein. Ihnen werden Eigenschaften
und Verhaltensweisen zugeschrieben, die auf ihr angebliches Wesen zurückgeführt
werden. Die Aussagen über Volk, Geschlecht, "Rasse", sexuelle
Orientierung, Behinderung, Klassenzugehörigkeit kommen als Wesensaussage daher:
Hier sollen über den betreffenden Menschen Aussagen gemacht werden, die sein
Leben wesentlich kennzeichnen, prägen, bestimmen, den Inhalt seines Denkens und
Handelns festlegen, ihn von einem Teil der Menschheit unterscheiden, mit einem
anderen Teil der Menschheit eng verbinden und einem gemeinsamen Schicksal
unterwerfen. Diese angeblichen Eigenschaften der Gruppen sind oft einfach
falsch ("Schwarze haben lange Schwänze"), manchmal sind sie
unzulässige Generalisierung ("Alle Italiener essen Spagetti") und
selbst wenn viele Leute ihren Zuschreibungen entsprechen ("Der Mensch ist
dem Menschen ein Wolf"), sind diese gesellschaftlich hergestellt.
Das alles ist etwas anderes als die Aussage, dass alle Fußballspieler Idioten
sind, weil dies eben ein bösartiger Schluss von einer sozialen Praxis auf die
Denkbereitschaft eines Menschen ist, im polemischen Interesse, das Balltreten
anzugreifen. Mit dem Fußballspielen kann man aber aufhören, mit dem
"schwarz" sein nicht, denn Fußballspielen ist eine soziale Praxis,
"schwarz" sein gilt als Wesen.
Stehen diese "Wesensurteile" einmal im Raum, muss die Gruppe, auf die
sie sich beziehen, darauf reagieren: Die Urteile werden zurückgewiesen, positiv
oder negativ aufgenommen, oder auch kritisiert. Oder sie spalten sich in
Unterkollektive anhand der Debatte über die ,Antwortstrategie'. Eine
zusätzliche Schärfe gewinnen solche Urteile, wenn sie Teile einer ,Abwertungsstrategie'
oder sogar Legitimation von Ausschluss und Unterdrückung bestimmter Gruppen
sind. Wenn also, um die soziologische Sklavensprache zu verlassen, die Urteile
über eine Gruppe ihre Minderwertigkeit nach- und die Rechtmäßigkeit des
Ausschlusses, der Verfolgung oder Unterdrückung beweisen sollen.
"Die Kraft gewinnen wir, aus dem Strom gegen den wir schwimmen"
Jede/r Angehörige einer solchen Gruppe ist damit konfrontiert, dass es diese
Urteile gibt. Sie sind Teil der gesellschaftlichen Praxis, die sich gegen ihn
oder sie richtet. Noch mehr: Sie sind sogar vorhanden in den eigenen
Vorstellungen, Ängsten und Bedürfnissen. Die Urteile sind - im Regelfall -
präsent; sie werden von den Angehörigen der Mehrheitskultur wie auch von den
Angehörigen der unterdrückten Gruppe ausgesprochen, angedeutet, zumindest
geglaubt und damit reproduziert. Jeder Mensch muss sich zu diesen Urteilen
verhalten. Wie, ist damit nicht festgelegt: Er kann diese Urteile annehmen oder
bestreiten, sie positiv oder negativ besetzen, sich individuell davon
distanzieren, oder als Allgemeines gelten lassen oder sie erklären und als Teil
einer abschaffenswerten Praxis bekämpfen.
Wo Menschen die Unterdrückung, die ihnen angetan wird, bekämpfen wollen, sind
sie darauf angewiesen, die Legitimation dieser Unterdrückung zu kritisieren und
anzugreifen. Ein paar Beispiele für Gruppen die es bitter nötig hatten und
haben sich zu wehren, in denen sich aber grundsätzliche Kritik nicht
durchgesetzt hat:
- Die Arbeiterklasse bekämpfte die Theorie der Unmündigkeit der
,gefährlichen Klassen' und des notwendig barbarischen Niveaus des arbeitenden
Paupers mit dem Lob der Produktivität der unteren Klassen als Kritik an den
nicht-arbeitenden Klassen und erstritt sich, Teil der Nation zu sein. Was nicht
Auftakt, sondern das Ende des sozialistischen Teils der ArbeiterInnenbewegung
war und den Klassenkampf endgültig auf den Kampf um die Lohnhöhe reduzierte.
- Die Frauenbewegung forderte die Gleichberechtigung der Frau als
Staatsbürgerin, entdeckte die tragende Rolle des weiblichen Teils der
Menschheit für jede Gesellschaft und verlangte gegenüber der Reduzierung auf
Sexobjekt und Reproduktionsagentin die Gleichberechtigung als bürgerliches
Subjekt, das über sich selbst bestimmt und sich in seinen Handlungen selbst als
Zweck setzt. Einige Teile der feministischen Bewegung stellen das Sich-Einfügen
in die bestehende Ordnung überhaupt in Frage und forderten eine weibliche
Gegengesellschaft.
- Auch die "Schwarzen" in den USA wiesen die Behauptung
von der natürlichen Unterlegenheit und Triebhaftigkeit zurück, entdeckten
Künstler & Krieger mit stärkerer Pigmentierung in der Geschichte, dass die
Eule der Minerva aus Afrika kommt, black beautiful ist und setzten das formale
Recht auf das gleiche Glücksschmieden durch. Die Enttäuschung über die
praktizierte Gleichheit findet in der "Black Muslim"-Bewegung, die
den Rassismus der weißen Mehrheitsgesellschaft umdreht und einen eigenen
'schwarzen' Staat fordert, ihre gelungene Ergänzung.
- Die Schwulenbewegung hat seit dem nullten Christopher-Street-Day
festgestellt, dass schwul ein Grund zum Stolzsein ist. Größere Teile der
schwulen Szene widerlegen alle Gerüchte über die Bindungslosigkeit aufgrund
narzistischer Selbstbezogenheit durch den Sturm aufs Standesamt. Auch das
Märchen von der Verweichlichung wird von schwulen Mackern und anderen
Unteroffizieren energisch bestritten. Hier lieben Männer Männer und so sieht
das denn auch aus, mittlerweile gibt's auch Schwule und Lesben in der Union.
- Die jüdischen Gemeinschaften in Europa und den USA spalteten
sich anhand des Antisemitismus in Zionisten, die dem `wurzellosen Volk´ endlich
wieder einen Mutterboden verschaffen wollten und Staatsbürger jüdischer
Konfession, die treu ihrem Vaterland dienten und jede andere Loyalität
verneinten. Mittlerweile ist die Produktion eines Volks anhand einer
Konfessionsgrenze für manchen aufgeklärten Israeli ein echtes Problem und der
sozialistisch gemeinte Zionismus sitzt in seinen sozialdemokratischen
Endprodukten wiederholt mit religiösen Tickern in einer Regierung.
All diesen Versuchen ist gemein, dass nicht die Einteilung in Gruppen, die
Gründe dafür und noch weniger die Gesellschaft, die solche Gründe produziert,
angegriffen wird, sondern nur die daraus entstehenden Folgen.(1) Ziel der hier
angesprochenen Gruppen ist aber zunächst die Integration in die
Mehrheitsgesellschaft und wenn diese an den Regeln der Mehrheitsgesellschaft
scheitert, entsteht eine sich abgrenzende Bewegung, die eine eigene
Gesellschaft aufmachen will, in der die eigene Gruppe die Mehrheitsgesellschaft
stellt.
"I wasn't born there/perhaps I die there/there's no place left to go:
San Francisco"
Da es in diesem Text um Identitätspolitik als Mittel der Befreiung geht, taucht
im folgenden die Identitätspolitik der `Unterdrücker' nur negativ auf: Sie ist
das, wovon sich diejenigen, die nicht als vollwertige Rechtssubjekte anerkannt
werden/wurden abgrenzen und absetzen mussten, wenn sie grundsätzlich an den
Zuständen, die solche Identitätszuschreibungen hervorbringen, etwas ändern
wollten.
Das ist etwas, was mit der bloßen Einsicht nicht getan ist. Auch die
Erkenntnis, dass es sich um eine gesellschaftliche Sortierung handelt, beendet
nicht notwendig die Internalisierung der Zuschreibung: Die Unsicherheit des
Arbeiters vor Behörden, die Bereitschaft auch den prügelnden Partner zu
akzeptieren, weil "stand by your man" ein schöner Lebenszweck ist,
der Hass auf die eigene schwarze Haut, weil das weiße Schönheitsideal als sexy
gilt (dafür gibt es die Hautbleichmittel!), die Angst, die Eltern durch das
Coming Out zu verlieren, die Präsenz der antisemitischen Vorurteile in den
jüdischen Kulturen.
Menschen messen sich an den Normen der weißen, heterosexuellen, bürgerlichen,
gesunden, männlichen Welt. Auch die Umkehrung dieser Normen heißt übrigens sich
an ihnen abzuarbeiten. Dies geht bis in die Ängste und Bedürfnisse der
Betroffenen (Menstruationsblut, Angst des Mannes penetriert zu werden, Schweiß
+ Schmutz, sexuelle Anziehung nach Hautfarbe). Notwendige Voraussetzung für
eine vernünftige Praxis ist die richtige Kritik solcher internalisierten
Vorstellungen. Diese Internalisierung tatsächlich vollständig zu überwinden ist
unter den herrschenden Verhältnissen aber sehr unwahrscheinlich, nahezu
unmöglich. Sowohl, weil viele dieser Vorstellungen mit der Ich-Konstitution so
eng verknüpft sind, dass ihre Transzendierung ein ebenso schmerzhafter wie
aufwendiger Prozess ist. Als auch, weil die gesellschaftliche Praxis, der man
sich nicht entziehen kann, diese Normen an alle Mitglieder - auch einer
"Gegengesellschaft" - heranträgt. Denn diese Normen sind im Verhalten
der anderen Menschen präsent.
Sie sind präsent in der Massenkultur, in den Lebensberichten, -beichten und
-konzepten der anderen. Es ist die Erfahrung, dass von einem nicht die Rede
ist, wenn von dem, was üblich ist, gesprochen wird; die Erfahrung ein nicht-
vorgesehener Sonderfall zu sein. Es ist die permanente Verunsicherung durch die
gesellschaftliche Praxis der Herrschaft, die manchen sogar davon Abstand nehmen
lässt, mit seinem Verhalten von den Normen abzuweichen - und es allen anderen
zumindest erschwert, dies zu tun. Genau das ist es, was `Communities` und
Subkulturen so attraktiv macht: Sie sind Freiräume, in denen Menschen mit anderen
Menschen, die nach gleichen oder ähnlichen Kriterien ausgegrenzt oder
unterdrückt werden, zusammen die Erfahrung machen können: Du bist nicht allein.
Eine Sache, die Linke als Linke genauso kennen: Die Erfahrung, dass man mit
seinem abweichenden Verhalten/ Ansichten nicht allein dasteht, ist zwar nicht
notwendig, aber hilfreich dafür, sich kritisch mit der bestehenden Gesellschaft
auseinander zu setzen: Das beruhigende Gefühl, nicht bei allen Fragen bei Adam
und Eva anfangen zu müssen und die Bestätigung, dass es "ganz normal"
bzw. "voll in Ordnung" ist, so zu sein, wie man ist. Sie ist auch
hilfreich dafür, der eigenen Kritik praktische Geltung verschaffen zu wollen,
weil man Leute findet, mit denen man das tun kann. Aber die Sehnsucht nach
Normalität ist bereits die Verabschiedung davon, prüfen zu wollen, ob es sich
um ein Bedürfnis oder Verhalten handelt, welches mit der Vernunft zumindest
vereinbar ist. Auch wird übrigens ein Argument nicht dadurch richtig, dass
viele es glauben.
5. Don't you need society?
Und das ist die eine Crux jeder Bestätigungspolitik, d.h.
eine Politik die darauf abzielt, eine unterdrückte Gruppe dadurch zu
emanzipieren, dass sie ihre Mitglieder in ihrer kollektiven Identität bestätigt
und bestärkt: Die beste Bestätigung verschafft allemal die Integration in die
bestehende Mehrheitsgesellschaft, das, was man platt die "Integration in
den Mainstream" nennen könnte - außer natürlich man gründet selber eine
Mehrheitsgesellschaft. Die Herausbildung von Konteridentitäten pflegt deswegen
begleitet zu werden von der Aufforderung sowohl zur anpasslerischen
Identitätsveränderung als auch zur Akzeptanz von Teilen der eigenen Gruppe, die
dies bereits vollzogen haben. Dementsprechend sind Vertreter der ,Community'
häufig groß darin, selbstkritisch die Anforderungen der Mehrheitsgesellschaft
als Voraussetzung für die Integration anzuerkennen.
Die zweite Crux besteht in der repressiven Tendenz der subkulturellen
Homogenisierung. Anders ausgedrückt: Auch abweichendes Verhalten kann eine Norm
werden, vom Kleiderkult bei den Autonomen bis zum Verratsvorwurf bei einer
heterosexuellen Liebelei. Nicht zu reden von der positiven Besetzung der
Essentialisierung: Auch die VertreterInnen unterdrückter Gruppen halten oft
ihre ,Identität' für einen Nachvollzug ihrer Natur. "Ich bin, was ich bin,
weil ich so bin".
6. Freiheit, Gleichheit, Eigentum für jedermensch?
Jede Gruppe, die Gleichberechtigung fordert, will die vollwertige Integration
in die Nation als vollwertige StaatsbürgerInnen und die Anerkennung ihrer
Mitglieder als gleichberechtigte Konkurrenzsubjekte. Dabei scheint die
bürgerliche Gesellschaft den Betroffenen entgegenzukommen, bietet sie doch
Gleichheit vor dem Gesetz sowie allgemeine Konkurrenz und lässt z.B. ihren
ehemaligen Bundespräsident Rau den Gesellschaftskritiker Adorno zurechtbiegen,
wenn er eine Welt, in der man ohne Angst verschieden sein kann, verspricht.
Auch wenn die Rechtfertigungen für die Unterdrückung fallen gelassen oder stark
relativiert werden, ist in den Identitäten die Gewalt, die zu ihrer Herstellung
aufgewandt wurde, enthalten und jederzeit abrufbar, selbst wenn sie sich nicht
unmittelbar als Hass, Gewalt, Terror oder Vernichtung äußert. Bei jeder
unpassenden Gelegenheit wird die festgestellte Differenz hervorgeholt und gegen
die Ausgesonderten angewandt. Darum ist die Anpassung an die bürgerliche
Gesellschaft im Regelfall kein Mittel für die eigene Emanzipation.
Gruppe "Kritik im Handgemenge" Bremen
www.junge-linke.de
1 Unsere Kritik der Gründe des
Rassismus kann man unter http://www.junge-linke.de unter dem Titel "Warum
bleiben die anderen immer anders?" nachlesen.