Leserbrief zu „Garath auf dem Weltmarkt?“, TERZ im
Dezember 2006
Ärgerlich ist es gewiss, wenn
Mieter, die mit ihren Einkünften aus der Lohnarbeit kaum über die Runden
kommen, zukünftig zweistellige Mieterhöhungen erwarten müssen. Ärgerlich ist es
aber auch, wenn Kritiker dieses Sachverhaltes durch Verklärung der
Vergangenheit die Zukunft verteufeln, anstatt eine vernünftige Analyse
anzufertigen und entsprechende Schlüsse zu ziehen.
So geschehen in einem Text
von ATTAC in der letzten TERZ-Ausgabe.
Kommunen, Bund und Länder
haben beschlossen, durch den Verkauf von öffentlichem Vermögen mehr Geld in die
eigenen Kassen fließen zu lassen oder Finanzierungslöcher – wo sie sie sehen –
zu stopfen. In NRW steht der öffentlich geförderte Wohnungsbau zur Disposition.
ATTAC schreibt: „Mit dem
Verkauf städtischer Wohnungsbestände gibt die Kommune einen nicht unerheblichen
Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge preis und verliert ein
wesentliches Instrument, um Wohnungspolitik sozial zu gestalten.“
Dass die Proleten auch für
abbruchreife Sozialwohnungen bislang horrende Mieten zahlten, sich von
Hausverwaltern drangsalieren und disziplinieren lassen mussten, in Wohnghettos
am Rande der Stadt abgeschoben wurden, davon ist hier natürlich nicht die Rede.
Das würde auch nicht ins Bild eines fürsorglichen Staates passen.
Ein Staat, der den freien
Wohnungsmarkt eingerichtet hat und per Recht und Gesetz absichert, damit
finanzkräftige Geldmanager ordentliche Profite machen können, sieht sich mit
den Folgen seines Auftrages konfrontiert, dass für einen großen Teil der
lohnabhängig Beschäftigten Wohnraum nicht mehr bezahlbar ist. Wer aber
regelmäßig seine Arbeitskraft für den Unternehmer gewinnbringend zur Verfügung
stellen muss, der muss mindestens ein Dach über dem Kopf haben, damit er seiner
von Staat und Ökonomie verordneten Bestimmung folgen kann und nicht unbrauchbar
wird.
Diesem Umstand hatten es die
Proleten bislang zu verdanken, dass man ihnen staatlicherseits geförderten
Wohnraum zur Verfügung stellte.
Nun sollen die Wohnungen
verkloppt werden. Spätestens jetzt müsste der wohlmeinende Staatsgläubige von
ATTAC an seiner Ideologie vom fürsorglichen Staat zweifeln. Der ATTAC-Anhänger
entschwebt statt dessen in philosophische Höhen: „Der Staat ist hier
gleichzeitig Ergebnis und Terrain gesellschaftlicher Auseinandersetzung und in
ihm spiegelt sich der Stand der gesellschaftlichen Widersprüche und Konflikte
wider: Art und Umfang des öffentlichen Sektors sind abhängig vom
Entwicklungsgrad des Kapitalismus und vom Stand der Klassenkämpfe.“
Der arme Staat als
willenloses Objekt des Kapitals und verlassen von der Arbeiterbewegung! Und ein
Oberguru von ATTAC, Joachim Bischoff, benennt die Schurken beim Namen: „Der
Kapitalmarkt, die Fonds und Vermögensgesellschaften – kurz: die Finanzinvestoren
sind die zentralen Akteure des gesellschaftlichen Wandel.“ Da haben wir es
wieder, das schmarotzende Kapital*! Nur Gewinnmaximierung zum Zweck anstatt
sich dem Aufbau einer friedlichen Welt mit sozialen Wohltaten zu widmen!
Früher, als das schaffende
Kapital** noch das Sagen hatte, war die Welt noch in Ordnung. Jeder hatte
Arbeit, Auskommen und Zukunft. Und dann kam er, der „Formwandel des
Kapitalismus, der seit Ende der 1970er Jahre beobachtet werden kann“, der „Übergang
zum Vermögenskapitalismus“. Von nun an ging’s bergab.
Auch so kann ein Plädoyer für
einen starken Staat aussehen.
HENRICI
* Dass wir solche Töne schon
vor Jahrzehnten hören mussten, trägt zur Klärung der ATTAC-Ideologie allerdings
auch nichts bei.
** Ein kurzer Hinweis: Das
„schaffende“ Kapital unterbricht nicht seine Produktion, bis es alle seine
produzierten Waren in gutes Geld umgewandelt hat. Es besorgt sich vielmehr vom
„schmarotzenden“ Bruder die Knete, um Rohstoffe und Arbeitskräfte etc. zu
bezahlen. In der Hoffnung auf Realisierung des Geschäftes auf dem Markt
verspricht der „gute“ Kapitalist dem „bösen“ einen Anteil an seinem Gewinn. Die
Leistung des „schmarotzenden“ Kapitalisten besteht also darin, durch das
Ansammeln von Geldkapital, also dem tatsächlichen Reichtum der Gesellschaft, dem
„schaffenden“ Kapital eine unterbrechungsfreie Kapitalakkumulation zu
ermöglichen.