Die
Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora München vom 13. Februar 2006
GegenStandpunkt – Kein
Kommentar! im
Freien Radio für Stuttgart vom 15. Februar 2006
Ein Grundsatzstreit um ein paar
Karikaturen:
„Meinungsfreiheit und Aufklärung gegen Fanatismus und
religiöse Intoleranz“
Eine
Riesenaufregung und Randale mit Toten in der islamischen Welt –
bloß wegen ein
paar Karikaturen in einer dänischen Zeitung? Und hierzulande
sollen gleich die
Grundprinzipien der Aufklärung, der demokratischen Weltordnung und
der
europäischen Völkersolidarität auf dem Spiel stehen,
wenn das Erscheinen der
Karikaturen behindert wird?
1.
Diese
Karikaturen drücken eine einfache politische Botschaft aus. In den
Worten der
„Süddeutschen Zeitung“:
„Die
Botschaft war klar: Der islamistische Terror ist nicht die Tat
radikaler
Abweichler. Die Terror-Ideologie – das ist die Religion
selbst. So wird der
Religionsstifter Mohammed zum Oberterroristen.“ (SZ, 11.2.06)
– Worüber
sich die Muslime aufregen, das ist der politische Standpunkt,
den die
Karikaturen veranschaulichen. Diesen Standpunkt nehmen die
weltpolitisch
maßgeblichen Nationen im Verhältnis zur arabisch-islamischen
Staatenwelt sowie
im Umgang mit ihren aus diesen Ländern zugewanderten Minderheiten
ein. Was die
Region zwischen
Marokko und Indonesien, insbesondere die von den USA dort
identifizierten
„Schurkenstaaten“ Iran und Syrien, betrifft, so haben die
transatlantischen
Verbündeten sich bekanntlich dazu entschlossen, genau hier und an
diesen
Nationen eine „neue Weltordnung“ durchzusetzen. Daher haben
sie sich
vorgenommen, nicht nur die mit bestem religiösen Gewissen
operierenden
Terroristen und Widerstandsgruppen niederzumachen, sondern auch den
Völkern,
aus deren Mitte heraus diese Terroristen und Widerstandsgruppen
entstehen, eine
neue politische Kultur beizubringen. Diese Völker dürfen kein
Vertrauen mehr in
religiöse Autoritäten und Führer setzen, sie haben
stattdessen die Sitten, die
in der modernen kapitalistischen Erwerbsgesellschaft und in der
Demokratie
herrschen, als die für sie verbindlichen anzuerkennen und sich
ihnen praktisch
zu unterwerfen. Nicht nur die weltpolitische Ausrichtung, sondern auch
die vom
Islam legitimierte innere Verfassung dieser Nationen soll korrigiert
werden,
und das wird erpresserisch, notfalls auch gewaltsam durchgesetzt. Das
haben die
meisten Karikaturisten von Jyllands-Posten verstanden: Sie
illustrierten
die in der westlichen Sicherheitspolitik enthaltene Ächtung
der vom
Islam inspirierten Geistes- und Lebenshaltung, die vom
demokratisch-marktwirtschaftlichen
Rechts- und Verhaltenskodex abweicht. Bloß um einen Scherz
über religiöse
Borniertheit handelt es sich da keineswegs – den hatten sich die
Auftraggeber
ja auch nicht bestellt.
– Der
Verdacht auf
eine Sympathie mit islamistischen Terroristen trifft auch die Menschen,
die aus
den „Problemstaaten“ in die europäischen Metropolen
des Welt-Kapitalismus
abgewandert sind. Sie werden verdächtigt, aufgrund der
„Prägung“ durch die Kultur ihres
Herkunftslandes ein Störfaktor in „unserer westlichen
Zivilisation“ zu sein.
Zur Bebilderung deutet man auf ihre abweichenden religiösen
Sitten, womit man
den Verdacht belegt, die Einwanderer seien mit ihrem Gefühl und
Verstand immer
noch nicht ganz und gar in der neuen Heimat „angekommen“,
ließen es also an der
Loyalität fehlen, die die hiesigen Staatsgewalten bei ihren
Eingeborenen von
Haus aus unterstellen.
2.
Die
Karikaturen waren nur ein Anlass für die empörten
Reaktionen in der
islamischen Welt. Der Grund des moralischen Aufruhrs liegt im
dortigen Feindbild
vom „Westen“: Dort gilt er als gottlos, dekadent, dabei
materiell überlegen und
deswegen so unerschütterlich arrogant. Damit erklären sich
Muslime die
desolaten Lebensbedingungen in ihren Ländern, die sich aus der
Unterordnung
unter den Weltmarkt ergeben, der von diesem „Westen“
kommandiert wird:
– Da wird ihnen der Reichtum der kapitalistisch
erfolgreichen Nationen als
Maßstab vor Augen geführt und gleichzeitig vorenthalten;
– der Mehrheit, insbesondere der Jugendlichen, wird der
Status von kapitalistisch
Nutzlosen, also einer „relativen
Übervölkerung“ des Erdballs aufgezwungen.
– Sie scheitern – in den dem Westen zugewandten
islamischen Staaten – mit
ihren Interessen an ihrer mehr oder weniger pro-westlichen Herrschaft
oder
– sie leiden – in den „Schurkenstaaten“
–, nach Aussage ihrer eher
anti-westlichen Herrschaft gemeinsam mit der, unter den Machenschaften
des
imperialistischen Auslands.
Das
legen sich die Betroffenen als Verstoß gegen die Ehre
zurecht,
die sie in ihrer Eigenschaft als Angehörige einer
großartigen, vom
Allerhöchsten als sein Fußvolk auserwählten
Gemeinschaft im Leibe haben. Dazu
kommt bei etlichen Völkern noch die Erinnerung daran, in
praktischen
Emanzipationsversuchen gegen westliche imperialistische Mächte
immer den Kürzeren
gezogen zu haben. So ist der politische Wille, es zu einer
weltpolitisch
respektablen und auch vom „Westen“ als ebenbürtig
respektierten arabischen oder
sogar über Arabien hinausgreifender gesamt-islamischen Macht zu
bringen, ins
Reich der frommen Einbildung verwiesen und, soweit noch aktiv, in den
terroristischen Untergrund abgedrängt worden. Mittlerweile sind
Teile dieser
islamischen Region – Afghanistan, Irak – vom
„Westen“ militärisch besetzt,
anderen sind Entmachtung und „Regimewechsel“ nach dem
Vorbild dieser beiden
Länder angesagt.
Das
alles zusammengenommen, ergibt eine Menge Gründe von Feindschaft
gegen
eben diesen „Westen“. Dass
Leute mit
einem religiös aufgeladenen Stolz das konfrontative Vorgehen des
„Westens“,
nicht zuletzt auch gegen ihre überkommene fromme Lebens- und
Denkungsart, als
„Kreuzzug“ gegen ihr Allerheiligstes auffassen, ist zwar
daneben. Das
unterscheidet sie aber nicht besonders von der Moral der
imperialistischen
Nationen, die ihnen unbedingt ihre antiwestlichen Neigungen
abgewöhnen und die
Freiheit bringen wollen. Was sie vielmehr von denen unterscheidet, ist
ihre
Machtlosigkeit, die offenbar wird, wenn sie die Beleidigung ihres
Propheten in
westlichen Gazetten zum Anlass für einen „gerechten
Gegenschlag“ nehmen: Ihre
Feindschaft toben sie in ohnmächtiger Wut an Sinnbildern
des verhassten
„Westens“ aus. Die Völker des „Westens“
dagegen können sich, was die notwendige
Gewalt zur Förderung der imperialistischen Bedürfnisse ihrer
Nationen betrifft,
getrost auf die Erpressungsmacht und die Gewaltapparate ihrer
Herrschaften verlassen.
Und für die nötige moralische Erregung über falsche
Regierungen und verkehrt
gepolte Volksmassen haben sie die Profis von der „4.
Gewalt“.
3.
Die verstehen
ihr Geschäft mindestens so
gut wie die militanten
Volkserzieher in den islamischen Ländern das ihre: Sie
interpretieren den
Aufruhr als einen einzigen Angriff gegen einen ihrer Höchstwerte,
die Meinungs-
und Pressefreiheit, ja „die Freiheit“ überhaupt
und blasen zum
publizistischen Gegenangriff. Sie füllen ihre Organe mit
Bekenntnissen, dass
„bei uns“, in der abendländischen Werteordnung, die
Freiheit der Presse
ungefähr an den Platz gehört, auf dem die islamischen
Fanatiker ihren Propheten
sehen wollen, und klären ihre Leserschaft auf, wes Geistes Kind
die Muslime
seien: Mit ihren wütenden Protesten entlarve sich die
aufgeputschte islamische
Welt resp. deren Agitatoren als fanatische Feinde der Freiheit; sie
disqualifizierten
sich als Gegner von Werten, die die freie Welt schon längst
für global und allgemein
verbindlich erklärt hat; sie widersetzten sich dem freiheitlichen
Konsens der
modernen Völkerfamilie – und bestätigten damit genau
den Korrekturbedarf, den
die USA schon seit längerem angemeldet haben und dem sie mit ihrer
Demokratisierungs-Initiative kompromisslos und tatkräftig
nachkommen: Den
Jüngern Mohammeds gehört die Meinungsfreiheit beigebracht.
Dieser
fulminante
Einsatz für den Universalismus der abendländischen
Werteordnung hat eine
lächerliche Seite. An der Ermessensfreiheit von Chefredakteuren,
Karikaturen
eines Religionsstifters abzudrucken, soll unser aller Freiheit und
Lebenskultur
hängen? Die ungehinderte Freiheit, über den Abgott fremder
Gläubiger zu
grinsen, soll der Wert sein, der unsere aufgeklärte Neuzeit vom
finsteren
Mittelalter trennt? Das soll sie sein – die Vernunft? Inmitten
einer Welt,
deren alltäglicher Gang von privaten Investitionsentscheidungen
bestimmt und
deren Ordnung durch die strategischen Entscheidungen von Befehlshabern
über
Atomwaffen definiert wird, soll alles darauf ankommen, dass
Pressezeichner ihre
Auftragsarbeiten so erledigen können, wie es ihnen in den Sinn
kommt und ihr
zahlungskräftiger Auftraggeber es haben will?
Auf der
anderen Seite
liegen die aufgeregten Anwälte der Meinungsfreiheit mit ihrer
lächerlichen
Prinzipienreiterei allerdings ganz richtig: Die idealisierende
Beschwörung des
demokratischen Verfassungsgrundsatzes der Meinungsfreiheit schärft
die Konturen
des Feindbilds von der Intoleranz im tiefsten Mittelalter
verharrender
Muslime, die der freie „Westen“ als den Sumpf des
islamistischen Terrorismus
ausgemacht hat. Deswegen hat er sich den Missionsauftrag erteilt,
diesen Sumpf
trockenzulegen. Der zurechtkonstruierte Grundsatzstreit spiegelt gerade
in
seinen Übertreibungen die grundsätzliche Feindschaft
wider, die die verbündeten
Weltordnungsmächte anti-westlichen Widerstandsnestern in der
islamischen
Weltregion angesagt haben und in die sie die dortige Herrschaftsordnung
und die
– demokratisch gesehen – unsittliche Verfassung der
dortigen Gesellschaften
einbeziehen. Da dient der Fetisch der Pressefreiheit als denkbar
passendes ideologisches
Banner für das „Kreuzzugs“-Ethos der imperialistischen
Aufräumaktion, die die
USA und deren willige wie weniger willige Helfer sich für die
Gegend vorgenommen
und auf die weltpolitische Tagesordnung gesetzt haben. Mit dem bloßen
Deuten auf Meinungsfreiheit
und Toleranz wird – Widerspruch kann nicht toleriert
werden – auf die
Überlegenheit „unseres“ Systems gepocht, umgekehrt
disqualifizieren sich alle,
die dagegen verstoßen, als „Feinde der Demokratie“
und darüber hinaus als
Gegner und Verhinderer des „zivilisatorischen Fortschritts“
überhaupt – sind
also höchst gefährlich.
Dieser
Vergleich zwischen den Verhältnissen im „Westen“ und
denen im islamischen
„Krisenbogen“ vergleicht nichts, sondern
erhebt Verfahrensweisen
bürgerlich-demokratischer Herrschaft in ihrer idealisierten
Fassung zur
absoluten Norm, vor der sich die Herrschaftspraxis in den angefeindeten
orientalischen Staaten als Abgrund an Bosheit blamiert. Dieser offensiv
selbstgerechte Blick auf die Welt ist die Produktivkraft für ein
Feindbild, das
den Ideologien des Gegners an moralischem Fundamentalismus
nicht
nachsteht. Er taucht die angesagte Feindschaft in das idealisierende
Licht
einer Mission gegen die Unfreiheit, als ob sie ihren Grund in der
Unvereinbarkeit der „Kulturen“ und der
„Befreiung“ der Muslime von der
Bevormundung durch intolerante Hassprediger und von
„mittelalterlicher
Theokratie“ hätte. Die
wirkliche Feindschaft des „Westens“ hat allerdings ganz
andere Gründe – das
zeigt sich schon daran, dass er mit islamischen Herrschaften, die, wie
z. B. das saudische Königshaus, Staat und Religion
überhaupt nicht trennen
wollen, ganz gut leben konnte, solange sie ihre frommen Völker mit
islamischer „Indoktrination“
und „diktatorischer“ Gewalt gegen den jahrzehntelangen
oberhoheitlichen und ausbeuterischen Zugriff des Westens ruhig halten
konnten. Der „Kampf der
Kulturen“ zwischen Okzident und Orient
– zwischen aufgeblasener Feier der Meinungs- und Pressefreiheit
hier und
randalierender religiöser Gekränktheit dort – tut
allerdings trotzdem gute
Dienste für den Kampf des „Westens“ gegen seine Feinde
in der islamischen Welt:
Weit entfernt davon, sich und ihr Publikum über die Gründe
für die Feindschaft
der imperialistischen Ordnungsmächte gegen Abweichler in der
„3. Welt“ und
umgekehrt der islamistischen Oppositionellen aufzuklären, die aus einer
Position der
Ohnmacht heraus mit dem Mittel des Terrors gegen die westliche
Übermacht
kämpfen, verfertigen die
Aufklärer in den
Ländern der Freiheit aus dem ohnmächtigen Hass vieler
Betroffener dort
ein lebendiges Feindbild von „denen da unten“: So
verbreiten und
festigen sie die Überzeugung, dass es höchste Zeit sei, eine
ganze Weltgegend
„zur Räson zu bringen“.
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