Die
Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora München vom 20. Februar 2006
GegenStandpunkt
– Kein Kommentar! im
Freien Radio für Stuttgart vom 22. Feb. 2006
Wie in der
Großen Koalition die soziale Frage mächtig
vorankommt (1)
Schluss
mit der
neoliberalen Herzlosigkeit!
Die Alten dürfen demnächst bis 67 arbeiten.
Wie schwer die Republik
unter der
rot-grünen Regierung gelitten hat, wird erst so richtig klar, seit
Frau Merkel
mit ihrer schwarz-roten Koalition angefangen hat, am Standort D
ordentlich
„durchzuregieren“. Nicht nur, dass George Bushs USA uns
wieder lieb haben, seit
mit Schröder und Fischer die beiden Repräsentanten nationaler
Eigenmächtigkeit
geräuschlos und hoffentlich für immer von der politischen
Bühne abgetreten
sind: Auch im Innern ist der aufkeimende Optimismus überhaupt
nicht mehr zu
bremsen – fulminante Umfragewerte für das herrschende
Kanzlerin/Vizekanzler-Paar sind der Beweis und machen zugleich
tüchtig Dampf.
Die Nation blickt wieder froh in die Zukunft: Die Wirtschaft
– das sind,
zur Erinnerung, diejenigen, die sich mittels der Arbeit und zu
Lasten
der lohn- resp. gehaltsabhängigen Mehrheit im Land bereichern, und
zwar in den
letzten Jahren in besonders stattlichem Umfang – die
Wirtschaft also
blickt „endlich, endlich wieder“ hoffnungsfroh in die
Zukunft und treibt einen
IFO-Geschäftsklimaindex nach dem andern in Höhe: Deutschlands
Kapitalherren
rechnen mit einem „besseren Investitionsklima“, der
Einzelhandel hofft, dass
„der Verbraucher seine langjährige zähe
Kaufzurückhaltung“ endlich ad acta
legt; denn „wir freuen uns auf große sportliche
Ereignisse“! Schon die
Olympischen Spiele in Turin – und erst recht die
Fußballweltmeisterschaft im
eigenen Land – werden zweifellos „die Nachfrage nach den
neuen
Plasma-Bildschirmen in die Höhe treiben“. Das wird der
Binnenwirtschaft
Wachstumszahlen bescheren wie schon seit Jahren nicht mehr.
Und nicht nur die Herren
des großen
Geldes sind sturzzufrieden, sondern erst recht auch die regierenden
Damen und
Herren von der großen Politik: Die „Blockade“ durch
einen oppositionellen
Bundesrat ist aufgelöst; die Regierungsmehrheit ist
überwältigend; die
Opposition ist in drei fast gleich große Teile zerrissen, von
denen die
freidemokratische des Herrn Westerwelle eigentlich auch gerne für
die Kanzlerin
gewesen wäre; es kann also „gehandelt“ werden, und es wird
auch
„gehandelt“ – wer will da noch im Einzelnen wissen,
für wen und wie und wozu!
Das selbstbewusste Volk, das mit seinem Wahlverhalten seine
„politische
Klasse“ vorübergehend in so tiefe Verlegenheit gestürzt
hat, will dies
mehrheitlich jedenfalls nicht wissen: Es ist ganz selbstbewusst für
die
Regierung, von der sich nach wochenlangem Gezerre herausgestellt hat,
dass es
sich genau die mit mehr als Zweidrittel-Mehrheit gewünscht
und
herbeigewählt hat. Im Lichte dieses Neubeginns werden auch die
alten Sprüche
und Ideologien der Verantwortlichen im Staate neu überdacht und
manches wird
aus dem Verkehr gezogen.
So ist in der neuen
Merkel-Müntefering-Republik der „Neoliberalismus“ out;
dieses Reizwort ist eindeutig
von gestern. Nicht dass sich seit Münteferings legendärer
„Kapitalismus-Kritik“
im letzten Frühjahr im Lande groß etwas geändert
hätte. Es vergeht kein Tag
ohne Ankündigung von ziemlich massenhaften Entlassungen durch
Konzerne, die
längst die ganze Welt ihrem Standortvergleich unterziehen. Aber
die
Miesmacherei, die sich in all dem Gemecker über
„Neoliberalismus“ und „Heuschrecken“
geäußert hat, die passt kurz nach Regierungsantritt von
Schwarz-Rot nicht mehr
in die Landschaft. Stattdessen blüht eine Debatte um die
schönste neue
Gerechtigkeit. Die Koalitionspartner befinden sich nämlich in
einem Wettbewerb
um die „gerechteste Politik“, die die Republik je gesehen
hat. Die SPD – so
hört man – will sich auf keinen Fall „das Etikett sozial
gerecht“ von
den Konservativen nehmen lassen. Aber auch die Parteien mit dem hohen C
im
Namen verstehen sich aufs Etikettieren: Ihr neuer Generalsekretär
Pofalla
findet, dass die große Sache der Gerechtigkeit u. U. durch das
altbackene
Attribut „sozial“ doch eher „eingeengt“ wird,
und tobt seinen Einfallsreichtum
beim Erfinden eingängiger Slogans aus, die nicht nur der
großen Gerechtigkeit
wirklich gerecht werden, sondern die man auch noch vorwärts wie
rückwärts lesen
kann: „Neue Gerechtigkeit durch mehr Freiheit“; eventuell
auch „Mehr Freiheit
durch neue Gerechtigkeit“; oder – auch nicht schlecht-
„Neue Freiheit durch
mehr Gerechtigkeit“; ersatzweise: „Mehr Gerechtigkeit durch
neue Freiheit“ –
irgendwie so was hat er jedenfalls seiner Partei verordnet. Kein
Zweifel, wem
wir das verdanken!
Ganz in diesem Sinne hat
die
Merkel-Müntefering-Volksfront mit „Mut und
Entschlossenheit“, so das Selbstlob
des Vizekanzlers, die Rentenfrage angepackt und ihren Koalitionsvertrag
noch
überboten. Die Experten der Rentenversicherungen haben
nämlich ausgerechnet,
dass nicht nur das durchschnittliche Lohnniveau im Lande, sondern wegen
der
vielen innovativen Arbeitsplatzschaffungs-Instrumente, wie Mini- und
Ein-Euro-Jobs, auch die gezahlte Lohnsumme insgesamt gesunken ist. Da
die als
Basis der Berechnung der aktuellen Rentenzahlungen dient, müssten
die Renten –
streng versicherungsmathematisch betrachtet – im gleichen
Maße wie die in 2005
gezahlten Nettolöhne sinken. Dokumentiert wird mit dieser
schönen Rechnung
nichts anderes als die zunehmende Verarmung der arbeitenden
Bevölkerung in den
letzten Jahren; aber das hält niemand für einen Skandal; und
die Folgen für die
Rente gelten eher als ein naturwüchsiger Sachzwang, den uns
„ein demographisches
Rentenproblem“ beschert hat. Hier ist die SPD mit ihrem
unverwechselbaren
Etikett „sozial gerecht“ gefragt. Deren Arbeitsminister
Müntefering macht sich
auch sofort seine durch und durch sozialen Gedanken und findet die
Lösung: Er
kündigt eine Reihe von nominellen Nullrunden – also
faktischen Rentensenkungen
– für Rentner mit der freudigen Botschaft an: „Die
Rente wird nicht gekürzt!“
Sie wird nur – auch falls in Zukunft irgendwann einmal die
nationale Lohnsumme
wieder steigen sollte –nicht erhöht. Was also jetzt nicht
gekürzt wird, wird
später nicht erhöht – so viel soziale Gerechtigkeit
muss einfach sein!
Und da er gerade schon beim Rentensichern ist, macht der Ex-SPD-Kapo gleich weiter und propagiert – unerschrocken gegen Gemoser aus den Reihen der CSU und Unzufriedenheit von Teilen seiner eigenen Partei – die beschleunigte Einführung der Erhöhung des Renteneintrittsalters. Im Koalitionsvertrag hieß es noch: Rente erst mit 67 Jahren, das sollte – sukzessive eingeführt – in 24 Jahren gelten. Im Arbeitsministerium meint man, das dauert zu lange, und schlägt vor, die Sache in 12 Jahren perfekt zu machen. Denn, so Müntefering: „Die Regierung ist schließlich nicht fürs Warten, sondern fürs Handeln gewählt worden.“ Die Koalition handelt, ihr glorreicher Kompromiss lautet: In 18 Jahren ist es soweit. So mag das Wahlvolk seine Führung: Entschlossen, ohne lange zu fackeln und unnötige Parteidiskussionen zu inszenieren, wird ein Beitrag zur Altersarmut in die Wege geleitet, der dem geneigten überalterten Volk mit der Bitte um Abnicken vorgelegt wird: „Mit 65 gehört man noch lange nicht zum alten Eisen!“ Natürlich weiß jeder, es geht schlicht um Rentenkürzungen und nicht darum, den „reichen Erfahrungsschatz altgedienter Mitarbeiter nicht verkümmern“ zu lassen. Entsprechende Einwände werden durchaus laut; es wird darauf hingewiesen, dass über 50jährige in modernen Belegschaften sowieso kaum noch zu finden sind und sie als Arbeitslose so gut wie keine Chance haben, einen Job zu finden. Das kann die Zuversicht von Müntefering und seinen Kabinettskollegen aber keineswegs trüben; über solches Genörgel geht die Regierung offensiv hinweg. Es gilt nämlich „nach vorne zu denken“: „Beschäftigungshindernisse für ältere Arbeitnehmer“ müssen zupackend aus dem Weg geräumt werden, mit der Kürzung der Bezugsfristen des Arbeitslosengeldes für ältere Arbeitslose ist man da schon auf gutem Wege; zu tun bleibt noch einiges beim Abbau des „Kündigungsschutzes für ältere Mitarbeiter“. Und wenn dann immer noch einer mosert, dann kann man gar nicht oft genug darauf hinweisen, dass „wir Deutschen immer kürzer arbeiten und immer länger leben!“ Das kann ja wohl auf Dauer nicht gut gehen – das nutzt niemandem, schon gar nicht „unseren vielen ältern Mitbürgern“, die – „erfreulicherweise, selbstverständlich“ – immer älter und dadurch – „seien wir ehrlich“ – zu einem „für die Gesellschaft immer ernsthafteren Problem“ werden. Das verspricht die Merkel-Regierung jetzt noch entschlossener anzugehen als ihre rot-grünen Vorgänger, so will sie den Alten und deren Lebensabend dienen – und wie der kapitalistische Laden läuft, macht er diesen Zynismus sogar noch wahr: Die Rente bleibt insgesamt sicher; ob man davon leben kann, ist eine andere Frage und fällt ganz in die Selbstverantwortung des mündigen Bürgers. Mehr ist nicht drin und wird auch nicht versprochen – und angesichts dessen, dass für die „jungen Arbeitnehmer von heute“ für die Zukunft schon jetzt noch bescheidenere Renten angekündigt sind, ist das erstens sowieso besser als gar nichts. Und zweitens kann jedem mitdenkenden Bürger klar sein, dass der Bedarf an mutigen Sozialreformen noch lange nicht gedeckt ist. Die neue Regierung verspricht jedenfalls dran zu bleiben, an der „Lösung der großen sozialen Probleme unserer Gesellschaft“, von denen allerdings niemand so recht wissen will, wem er sie eigentlich verdankt.
Ein unerwünschter Expertenbeitrag zum Thema „Rente und Langlebigkeit“ soll schließlich nicht unerwähnt bleiben. Der Renten-Experte und neue SPD-Abgeordnete Lauterbach hat ermittelt, dass ein linearer Zusammenhang zwischen Lohn- und nachfolgender Rentenhöhe und Rentenbezugsdauer besteht: Arme sterben früher, fallen also der Rentenkasse weniger lange zur Last als Besserverdienende. Hier sieht der Mann eine Gerechtigkeitslücke – nein, selbstverständlich nicht in der Armut und deren natürlicher Todesfolge; man ist schließlich Sozialdemokrat. Ungerecht ist das Beitrags-Ertrags-Verhältnis: Mit ihrer Kurzlebigkeit subventionieren die Geringverdiener versicherungsmathematisch die Rente der Reichen. Das sollte man ändern! Klar: Dann lohnt sich das vorzeitige Ableben wenigstens – rückwirkend.