Die Analyse
des GegenStandpunkt-Verlags
in
Radio Lora München vom 30. Januar 2006
GegenStandpunkt – Kein
Kommentar! im
Freien Radio für Stuttgart vom 1. Februar 2006
„Bedingungsloses
Grundeinkommen“ –
Kapitalismus mit menschlichem Antlitz?
Als Reaktion auf
Arbeitslosigkeit und Lohnsenkungen ist in letzter Zeit
die Idee populär geworden, der Staat solle jedem Bürger eine
finanzielle
Grundsicherung, also ein monatliches Einkommen garantieren. In linken
Kreisen,
unter anerkannten Ökonomen und Soziologen bis hinauf zum
Bundespräsidenten hat
diese Idee inzwischen Karriere gemacht. „Bedingungslos“
soll das Einkommen
sein, es soll also wirklich jeder Bürger erhalten –
unabhängig davon, über wie
viel Einkommen bzw. Vermögen er verfügt. Diese Forderung
erscheint mitten in
der deutschen Hartz-IV-Gesellschaft auf den ersten Blick als
unvorstellbare
soziale Tat: Leute sollen Geld bekommen, ohne dafür arbeiten zu
müssen, und das
auch noch ohne Bedürftigkeitsprüfung. Statt sich über
eine solche Forderung zu
wundern, könnte man ihr aber auch eine radikale Auskunft
entnehmen: Da gibt es
Leute, die bemerken, dass die herrschende Wirtschaftsordnung trotz
ihres
unübersehbaren Reichtums die Existenz einer in die Millionen
gehenden Zahl von
Gesellschaftsmitglieder nicht sichert. Daraus ziehen sie aber nicht den
Schluss, dass diese Wirtschaftsordnung dann durch eine zu ersetzen sei,
die
genau das garantiert, was die gegenwärtige nicht tut: den
Lebensunterhalt aller
auf dem Niveau, das dem Stand der Produktivkräfte gerecht wird.
Vielmehr halten
sie an der existierenden Produktionsweise fest, in der es Leute mit und
ohne
Vermögen gibt und in welcher der Lebensunterhalt Letzterer davon
abhängt, dass
sie von den Eigentümern nur dann ein Arbeitsentgelt
bekommen, wenn ihre
Arbeit zur Vermehrung des Privateigentums taugt. Weil aber die Arbeit
einer
wachsenden Zahl von Leuten nicht nachgefragt wird, so dass sie auch
kein
Einkommen haben, sollen sie mit Hilfe eines staatlich finanzierten
Grundeinkommens über Wasser gehalten werden. So sei trotz des
Fortbestehens von
Arbeitslosigkeit das Überleben aller, auch der
(Dauer‑)Arbeitslosen
gewährleistet – meinen jedenfalls dessen Befürworter
– und stellen damit klar,
dass sie an diesem Wirtschaftssystem selbst unbeirrt festhalten wollen,
in dem
der Lebensunterhalt Vermögensloser grundsätzlich davon
abhängt, dass sie eine
Arbeit verrichten, die den Reichtum der Vermögenden vermehrt.
„Genug für
alle!“ versichert
Attac und wirbt mit seiner gleichnamigen
Kampagne gleich für den Realismus der Forderung nach einem
Grundeinkommen. Die fortschreitende Produktivität der Wirtschaft
mache auf der
einen Seite immer mehr Leute arbeitslos, schaffe aber auf der anderen
auch
einen Überfluss an Gütern, mit denen diese Gesellschaft
– und nicht nur die –
locker versorgt werden könnte, wenn man diesen Überfluss nur
richtig verteilen
würde. Ein netter Gedanke, könnte man meinen, würden die
Befürworter des
Grundeinkommens nicht zugleich an dem Grundsatz festhalten, dass es bei
der
Produktion auf Rentabilität ankommt. Dass nämlich
kapitalistische
Unternehmen nur dann produzieren lassen und die dafür notwendige
Arbeitszeit
bezahlen, wenn sie sich einen Überschuss über die zur
Produktion aufgewendeten
Kosten versprechen, das halten die kritischen Geister von Attac
für eine
„Realität“, an der man „nun einmal nicht
vorbeikommt“. Rationalisierungen, die
Kapitalisten vornehmen, um sich durch Einsparung von bezahlter Arbeit
in der
Konkurrenz durchzusetzen, halten sie einerseits für
„vernünftig“, weil
reichtumssteigernd, wäre da nicht andererseits die
üble Folge, dass die
darüber Entlassenen erwerbs‑ und damit mittellos werden. Also
müsste doch bloß
der Staat dafür sorgen, dass keiner mehr mittellos ist, dann
könnte doch die
Wirtschaft prächtig so weitermachen wie bisher.
Diese Idee hat auch
Befürworter aus der Wirtschaft, wie den Gründer der
Drogeriemarktkette dm, Götz Werner:
„Die Wirtschaft hat
nicht die Aufgabe, Arbeitsplätze zu schaffen. Im
Gegenteil. Die Aufgabe der Wirtschaft ist es, die Menschen von der
Arbeit zu
befreien. Und das ist uns in den letzten 50 Jahren ja auch grandios
gelungen.“
(Stuttgarter Zeitung, 02.07.2005)
Wenn er betont, dass die
Wirtschaft nicht für die Schaffung von
Arbeitsplätzen zuständig sei, dann plaudert er einerseits
eine
Selbstverständlichkeit der Marktwirtschaft aus: Unternehmer sind
für Profit
zuständig und dafür ist die bezahlte Arbeit ein Mittel. Nur
dann, wenn sie
lohnend eingesetzt werden kann, wird Arbeit gezahlt und sonst eben
nicht.
Andererseits wendet er sich damit aber auch gegen die zentrale
Ideologie von
der „Verantwortung der Wirtschaft für
Arbeitsplätze“. Stellt sich nämlich heraus,
dass relevante Teile der arbeitsfähigen Bevölkerung dauerhaft
nicht mehr als
Lohnarbeiter gebraucht werden, dann soll man die Wirtschaft auch nicht
mehr mit
dieser Forderung behelligen. Elegant passt er gleich im Fortgang die
Ideologie
an diese neuen Gegebenheiten an: Er behauptet einfach als Aufgabe der
Wirtschaft, was die sowieso die ganze Zeit macht, nämlich in immer
neuen
Rationalisierungswellen lebendige Arbeit überflüssig zu
machen, und belegt das
mit dem positiv besetzten Begriff „Befreiung von
Arbeit“. Das ist zwar genauso
wenig wahr wie die alte Ideologie, ermöglicht ihm aber, aus einem
vermeintlichen Versagen der Wirtschaft einen grandiosen Erfolg zu
verfertigen.
Um diesen Erfolg würdigen zu können, muss man nur seinen
harten Inhalt
vergessen: „Grandios gelungen“ ist der Wirtschaft
„in den letzten 50
Jahren“ die Verbilligung der bezahlten Arbeit durch die
Entlassung der
Leute, die wegen der Erhöhung der Produktivität für den
Profit nicht mehr
benötigt werden, und damit die Streichung ihres Einkommens. Genau
so werden die
feinen Gebrauchsgüter immer massenhafter und immer billiger
hergestellt – und
die, die sie produzieren, immer ärmer, weil sie „von
Arbeit befreit“
wurden, wie Götz Werner dies umzudeuten beliebt. Die in Arbeit
verbliebenen
Leute unterliegen derweil derselben Kalkulation: Aus jeder bezahlten
Arbeitsstunde holt ihr Arbeitgeber durch Einsatz produktiverer
Maschinen mehr
Produkt aus ihnen heraus, durch Intensivierung wird die Arbeit immer
mehr
verdichtet und durch Verlängerung der Arbeitszeit das für die
Kapitalseite so
lohnende Verhältnis ausgedehnt. Hier schiebt sich nichts mit
„Befreiung“ von
Arbeit, obwohl doch die nützlichen Güter so flugs
hergestellt werden
können: Weil diese Güter ausschließlich
für den Gewinn hergestellt
werden, der mit ihnen erzielt werden soll, kommt im Kapitalismus aus
einer
Produktivitätssteigerung niemals heraus, dass die notwendige
Arbeit für alle
kürzer und leichter wird und das Leben angenehmer. Wenn es in der
Ökonomie wirklich
auf die Versorgung der Menschen mit nützlichen Gütern und
möglichst bequeme
Arbeits- und Lebensbedingungen ankäme, dann wäre der
Kapitalismus die dümmste
Tour, dies zu verwirklichen.
Doch das sehen die Verfechter
eines bedingungslosen Grundeinkommens ganz
anders:
„Jetzt kommen wir zur
zweiten Aufgabe: Die Wirtschaft muss die Güter
nicht nur produzieren. Sie muss die Menschen auch mit ausreichend Geld
ausstatten, um zu konsumieren.“ (Götz Werner, ebda.)
Na klar, das macht Sinn: Erst
eine Güterproduktion einrichten, die auf
Gewinnerzielung in Geldform ausgerichtet ist, also auf möglichst
niedrige
Kosten spechtet – vor allem niedrige Lohnkosten! –;
darüber lauter Arme
mit und ohne Arbeitsplatz erzeugen, denen das Geld zum Leben fehlt; und
anschließend
soll dieselbe Wirtschaft „die Menschen auch mit ausreichend
Geld ausstatten,
um zu konsumieren“ – die gleichen Menschen, die sie
zuvor von „Arbeit befreit“,
also von ihrem Einkommenserwerb getrennt hat, weil sich
ihre Bezahlung
für die Rentabilität der Produktion nicht lohnt.
Wirtschaftswissenschaftler wie
Thomas Straubhaar vom Hamburgischen
Weltwirtschafts-Institut – ebenfalls ein Befürworter des
bedingungslosen
Grundeinkommens – kommen da schnörkelloser zum Punkt:
„Die Lohnnebenkosten
sind das dominante Problem des Arbeitsmarktes.
Das will ich aufbrechen. […] Der Lohn wird befreit vom
sozialpolitischen
Ballast […]. Die soziale Sicherung wird davon abgekoppelt. Das
ist das
Grundeinkommen.“ (Stuttgarter Zeitung, 15.11.2005)
Er will gar nicht erst den
Eindruck erwecken, mit dem Grundeinkommen
würde eine grandiose soziale Tat für Mittellose ins Werk
gesetzt. In seinen
Augen ist „die Wirtschaft“ das Not leidende Subjekt, weil
der Staat mit den
Zwangsbeiträgen zu seinen Sozialversicherungskassen die Lohnkosten
in steigendem
Umfang belastet. Deshalb ist auch der Staat dafür zuständig,
mit der Einführung
eines Grundeinkommens und der gleichzeitigen Streichung sämtlicher
bisheriger
Sozialausgaben, die mittels „Zuschlägen“ zum Nettolohn
(„Lohnnebenkosten“)
finanziert werden, dafür Sorge zu tragen, dass „die
Wirtschaft“ nur noch die
Zeit bezahlt, in der sie die Arbeitskräfte für ihren Profit
braucht, nicht jedoch
– per Sozialabgaben – auch noch die Zeiten, in denen sie
diese vorübergehend
(wegen Krankheit) oder überhaupt nicht mehr (Entlassung, Alter)
brauchen kann.
Weil der Staat aber notorisch unter leeren Kassen leidet – wie
man als durch
und durch realistischer Wissenschaftler gar nicht eigens zu betonen
braucht –,
ergibt sich mit diesem Kriterium zusammengenommen ganz
selbstverständlich die
Höhe dieses Grundeinkommens:
„Derzeit liegt das
gesetzlich festgelegte Existenzminimum bei 7.664
Euro im Jahr. Das wäre die Obergrenze. […] Im Gegenzug
werden alle anderen
Sozialleistungen wegfallen, einschließlich der Rente und des
Arbeitslosengeldes.
[…] Von diesem Geld in Deutschland zu leben, ist wirklich kein
Zuckerschlecken.“
(Straubhaar, ebda.)
„Kein
Zuckerschlecken“ verharmlost den Zustand ja geradezu, der ein
profitverträgliches Grundeinkommen für die davon
Abhängigen bedeuten würde. Es
soll ausdrücklich „nicht
reichen, um den Lebensstandard der Durchschnittsbevölkerung zu
finanzieren,
sondern soll ausschließlich die Existenz sichern.“ Mitten in einer Gesellschaft, „die nie gekannten
Überfluss produziert“ (Götz Werner), würden die Menschen,
die, weil sie keinen
Arbeitsplatz finden, nur vom Grundeinkommen leben müssen, auf ein
Lebensniveau
knapp oberhalb des nackten Überlebens festgelegt – und das
wird auch noch als
großartiges Angebot präsentiert: „Wir wollen ja
nicht in den Dschungel
zurück, wo es nur ums nackte Überleben geht.“
Danke, Herr Prof. Straubhaar!
Den Grund für diese
„Großzügigkeit“ plaudert der gelehrte Mann auch
noch
aus: „Natürlich wirkt es immer leistungshemmend, wenn
wir garantieren, dass
niemand verhungert.“ Aber allzu viel mehr darf man im
Kapitalismus eben
nicht garantieren, will man den Zwang zu einer Leistung erhalten, die
sich für
diejenigen, die sie erbringen, nicht lohnt. Nur mit dem ständig
drohenden
Verlust des „Lebensstandards
der Durchschnittsbevölkerung“ lassen sie sich
zuverlässig zu ständig steigenden
Leistungen erpressen, mit denen sie das Eigentum ihrer
„Arbeitgeber“ vermehren,
von dem sie genau dadurch dauerhaft ausgeschlossen bleiben. Kein
Wunder, dass
Ökonomen wie Straubhaar das „gesetzliche
Existenzminimum“ in einer
Größenordnung festgelegt sehen wollen, die diese
Leistungsbereitschaft, auf die
es im Kapitalismus ankommt, nicht „hemmt“: eben in der
Höhe „eines absoluten
Existenzminimums.“ Nur ein „Grundeinkommen“ oder
„Existenzgeld“, das bestenfalls
die nackte physische Existenz sichert, garantiert den Erfolg der
Erpressung zum
Dienst an fremdem Eigentum. Das Grundeinkommen muss so gering sein,
dass es
jedem damit „Beschenkten“ ziemlich unausweichlich nahe
legt, sich nach einer
Lohnarbeit umzutun, wenn er anständig leben können will.
Dabei war doch der Ausgangspunkt
aller Überlegungen über das Grundeinkommen die
Tatsache, dass es wegen
des „grandiosen“ Erfolgs Götz Werners und seiner
Kollegen von „der
Wirtschaft“, die Menschen von immer mehr Arbeit befreit zu
haben, gar
nicht genug Arbeitsplätze für alle gibt, die zur
Sicherung ihres Lebensstandards
einen brauchen!