
Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in
Radio Lora
München vom 13. Juni 2005
Neuwahlen
im Herbst
Was
und
was nicht zur Wahl steht
Seit Kanzler Schröder nach der für die SPD vergeigten
Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen angekündigt hat, dass er im
Herbst
Neuwahlen veranstalten lassen will, beschäftigt sich die gesamte
Republik mit
der für sie einzig spannenden Frage, wer denn wohl die
neue Regierung
stellen darf. Was aber die Wahlbürger weggeben,
wenn sie ihre
Stimme abgeben, das steht schon vor der ersten Hochrechnung
fest.
Die
Freiheit des Bürgers in der Demokratie
verwirklicht sich in der freien, gleichen und geheimen Wahl, das lernt
man
schon in der Schule, und so agitieren Politik, Presse, Funk und
Fernsehen die
Bürger stets aufs Neue. An diesem Merkmal vor allem soll sich eine
rechtsstaatlich
demokratische Regierung von einer Gewaltherrschaft
unterscheiden.
Keinem Volk dürfe daher das Privileg der freien Wahl vorenthalten
werden; keine
Gesellschaft oder Kultur sei dafür zu rückständig, als
dass sie damit nichts
anfangen könnte, und kein Volk darf für zu unreif gehalten
werden, sein
Wahlrecht auszuüben. Geradezu westlicher Rassismus wäre es zu
glauben, nur
„wir“, die wir die Freiheit der Wahl genießen, seien
dieser universellen
Errungenschaft der Menschheit würdig und zu ihrem Genuss
fähig.
Das ist
wirklich nicht zu bestreiten: Es ist
tatsächlich nichts leichter, als ein Kreuzchen zu malen und damit
aus mehreren
Alternativen die herauszusuchen, die dem Wählenden am liebsten
ist. Auch in
Gegenden, in denen es weder eine funktionierende Staatsgewalt noch eine
politisierte Öffentlichkeit und auch sonst nichts als Hunger und
Elend gibt,
kann man Wahlurnen aufstellen und wählen lassen. Sogar
Analphabeten, die kein
einziges Parteiprogramm studiert haben und die Namen der Parteien und
Kandidaten nicht lesen können, kann man Piktogramme und
Tiersymbole, die für
Parteien oder Personen stehen, zum Ankreuzen anbieten – wie erst
neulich in
Afghanistan. Auch Leute also, die von Nation, Staatsräson und
Politik überhaupt
keine Ahnung haben, kann man vor Wahlalternativen stellen. Diesen Akt
der
Freiheit vermögen Menschen aller Rassen und Kulturen zu
vollziehen – und
sie tun das offenbar nicht ungern. Das Angebot, die eigene Stimme
abgeben und
die bevorzugte Alternative bevorzugen zu dürfen, schlägt
jedenfalls so leicht
keiner aus, wenn es ihm gemacht wird. Dass es auf seine Stimme ankommt,
lässt
sich der regierte Mensch alle r Herren Länder nur allzu gerne
sagen.
Dazu
gehört allerdings auch jemand, der
das sagt. Irgendjemand muss schließlich dem freien Menschen das
großartige
Angebot der Wahl unterbreiten – und die Alternativen vorgeben,
innerhalb derer
er seine Freiheit zu verwirklichen hat. Die in einer Wahl von den
Bürgern
gelebte Freiheit setzt also eine grundlegende Sortierung der Menschheit
voraus.
Ein sehr kleiner Teil der Menschen – die zum Führen
berufenen Leute – ruft den
anderen Teil, der bezeichnenderweise Volk genannt wird, an die
Urnen.
Aber nicht nur das: Diese Führung legt mit den Programmen und
Personen, die
überhaupt zur Wahl stehen, alles Entscheidende vorweg fest. Mehr
als die
Parteien bzw. Personen, die zur Wahl stehen, kann nicht gewählt
werden.
Deswegen steht ein Ergebnis jeder Wahl auch schon von
vornherein fest,
egal wie die Wahl selber ausfällt: Sie bestätigt die Instanz,
die die Wahl
angesetzt hat. Sie billigt, dass es außer den Fragen, die zur
Abstimmung
gestellt werden, und außer den Alternativen, die zur Abstimmung
stehen, für den
Wähler nichts in Frage zu stellen und nichts zu entscheiden gibt.
Die Wahl ist
also ein Bekenntnis der Wähler zu den Ämtern, um die sich
eine Elite bewirbt.
Damit bekennt sich jeder Wähler auch zu der gesamten
öffentlichen Ordnung, die
von diesen Ämtern aus gemanagt wird. Das alles findet statt, ohne
dass
irgendetwas davon irgendwie zur Debatte gestellt, geschweige denn von
den
Wahlberechtigten ausdiskutiert und begründet für gut befunden
werden müsste.
Der Wähler braucht diese Leistung seines Wahlakts noch nicht
einmal zur
Kenntnis zu nehmen; dass er die Qual der Auswahl serviert
bekommt, er
also innerhalb der gebotenen Alternativen gefragt ist,
verbürgt für ihn
die Güte der Sache. Mit der Überlegung, warum und wozu es
eine solide durchorganisierte
Herrschaft mit machtvollen Posten und elitären Amtsträgern
eigentlich braucht,
braucht er sich nicht zu belasten. Solche Überlegungen wären
im Gegenteil nur
hinderlich: Am Ende käme er gar nicht mehr dazu, sich für das
eine Angebot zu
erwärmen, um es dem anderen vorzuziehen.
Wichtig
an einer Wahl ist also zuerst und vor
allem das, was nicht zur Wahl steht, mit der Wahl aber
stillschweigend abgehakt
wird. Das ist nämlich nichts Geringeres als die gesamte politische
Herrschaft:
der Apparat; die Aufgaben, denen der sich widmet; die Leistungen,
die er
erbringt; die „Sache“ der Nation; und dass es Führer
braucht, die sich
darum kümmern. Also schlichtweg alles, was die Masse des
Bürgervolks als
Beschränkung jeder materiellen Freiheit, als Härte ihres
Erwerbslebens, als
Inanspruchnahme durch private und öffentlich-rechtliche
Machthaber, überhaupt
als gesellschaftlich organisierte Last zu spüren bekommt.
Das alles ist
wie selbstverständlich gebilligt, wenn es ans Wählen geht
– und nicht nur das:
Die Wahl stellt den Wähler vor die Entscheidung, bei wem er
die
Macht, der er nachher wie vorher gehorchen muss und die selber gar
nicht
zur Debatte steht, am besten aufgehoben sieht. Diese
Veranstaltung macht
ihn zum ideellen Sachwalter, insofern zum bedingungslosen
Parteigänger der
Herrschaft, die über ihn ausgeübt wird: In ihrem Namen
– im Namen also der Herrschaft
über sich – darf und soll er die Kandidaten für die zu
vergebenden Posten
kritisch prüfen. Der Maßstab, an dem die Bewerber um die
politischen Ämter sich
vor ihren Wahlbürgern bewähren und sich messen lassen
müssen, ist ganz
folgerichtig ein Idealbild der Herrschaft. Die Herstellung,
Aufrechterhaltung
und Ausübung von Herrschaftsverhältnissen erscheint aus dem
Blickwinkel, der
dem Wahlbürger angetragen wird, als eine einzige Hilfestellung
für ein
bürgerliches Leben unter „den gegebenen
Verhältnissen“. Und die Staatsgewalt
erscheint als Schutzmacht für eine „gewachsene“
Volksgemeinschaft im Innern und
nach außen. Als Wähler legt sich der Bürger die Frage
vor, inwieweit die zur
Wahl stehenden Mannschaften als Parteien bzw. Personen zu diesem
fiktiven
Herrschaftsauftrag am besten passen.
Damit
steht das Verhältnis, in dem sich der
Mensch zu seiner nationalen Herrschaft befindet, völlig auf dem
Kopf. Die
Instanzen im Lande, die gerade für die totale Indienstnahme der
Bürger sorgen,
stehen da als Dienstleister am mit Beschlag belegten Volk. Ein
derart
verkehrtes Spiegelbild der politischen Macht ist die Grundvoraussetzung
aller
Urteile über den Gebrauch, den die Wahlbewerber von ihren
Ämtern machen bzw. zu
machen versprechen. Alle kritische Aufmerksamkeit gilt dem vorzeigbaren
und in
Aussicht gestellten Erfolg der Kandidaten bei ihrer
entsprechend
schönfärberisch dargestellten Tätigkeit – deswegen
auch nicht zuletzt ihrem
Erfolg bei der schönfärberischen Darstellung ihrer
Tätigkeit in der
Öffentlichkeit. Dieser Kritik fallen die nicht
gewählten Kandidaten zum
Opfer. Für die politische Elite insgesamt, die auf die Art in die
höchsten
Ämter drängt, ist eine solche Überprüfung jedoch
leicht auszuhalten: Sie ist
eine Steilvorlage für ihre Konkurrenz untereinander. Denn die
Kriterien, die da
an sie angelegt werden, sind gar keine anderen als die, an denen die
Herrschaftsaspiranten
sich selber unbedingt bewähren wollen: die Macht, die mit ihrem
Amt verbunden
ist, fest in Händen halten; sie so gebrauchen, dass sie keinen
Schaden nimmt,
sondern wächst – und ihr Inhaber mit ihr; sich als
Herrschaftsfigur am Ende
unanfechtbar etablieren und vor den Regierten eine gute Figur machen;
mit der
anvertrauten Macht möglichst derart verwachsen, dass Amt und
Eigenname
austauschbar werden. Die Herrschaftskritik, zu der eine freie
Wahl die
der Herrschaft unterworfenen Wähler herausfordert, ist die
entschiedenste Antikritik,
sowohl was die Herrschaft selbst, als auch was die Machtgier der zu
wählenden
Herrschaften betrifft.
So hat
jede Seite das Ihre vom heiligen
Menschenrecht der freien Wahl, in der sich das Kollektiv der
Beherrschten mit
seiner Herrschaft zusammenschließt. In der freien Wahl wird
über die Besetzung
der Posten entschieden, die zur Machtausübung über die
Untertanen berechtigen,
und eben dadurch wird der Gehorchende von der Schmach befreit, ein
Sklave zu
sein. Wer wählen darf, ist frei in dem Sinn, dass er keiner
Obrigkeit gehorchen
muss, die nicht die Zustimmung der Mehrheit der Bürger erhalten
hat. Die
gewählte Obrigkeit ist ihrerseits frei in dem Sinn, dass sie ihre
Macht über
die Bürger nicht nur auf Gewalt, sondern obendrein auf deren
Zustimmung
gründet. Darum kann sie sich auch Einmischung in die
Staatsgeschäfte vonseiten
der Bürger mit dem Verweis verbitten, sie sei schließlich gewählt.
Eine
demokratisch korrekt gewählte Regierung ist im Besitz einer totalen
Ermächtigung: Wenn sie herrscht, geht sie nicht nur
berechtigterweise über
die Interessen jener Minderheit hinweg, die nicht gewählt oder
für die
unterlegene Alternative gestimmt hat, sondern ebenso über die
Interessen ihrer
„siegreichen“ Wählermehrheit. Sie waltet ihres Amtes,
wenn sie die Interessen
des großen Ganzen exekutiert und die „bloß
partikularen“ Interessen ihrer
Untertanen beschneidet. Staatsmänner wissen deshalb die Leistung
der freien
Wahl zu schätzen und pflegen sich beim Wähler zu bedanken;
nicht nur für die
Wahlstimmen, die ihnen zugefallen sind, sondern überhaupt
dafür, dass er seine
Stimme abgibt und damit seine Zustimmung zu einer weiteren
Legislaturperiode
des Schnauzehaltens erteilt. Das Votum des Volkes ist das Mittel des
Staates –
seiner Legitimität, Stabilität und Handlungsfreiheit. Was die
Herrschenden vom
Wählen haben, ist also eindeutig. Aber warum die Gedeckelten ihre
Herrschaft
auch noch aus-wählen sollen, das sollten sie sich einmal ernsthaft
überlegen,
ehe sie das Kreuzzeichen für den Staat machen.
Weiterführende
Literatur
zum Thema Wählen & Wahlen heute:
Die Freiheit auf dem Vormarsch, Revolutionen per Stimmzettel
Amerika
spendet den Völkern der Welt Freie Wahlen
1. Das hohe Gut der freien Wahl
Wählen funktioniert am besten, wo es zuhause
ist: in den
kapitalistischen Demokratien
Diktatur resp. „ungefestigte
Demokratie“: Warum das Wählen
da etwas anders funktioniert
Die Forderung nach freien Wahlen
2. Wenn der Ruf nach freien Wahlen von außen erschallt
Die Freiheit kommt mit Bomben: Krieg für Wahlen
Regime Change im neuen Osten: Wahlen als Kriegsersatz
In GegenStandpunkt 1-05, S.
49–64
www.neusser-monat.de
(17.06.2005)