
Knastologie
Das Verbrechen scheint zur menschlichen
Existenz zu gehören wie Krankheit und Tod. Das kann man daran erkennen, dass
schon bevor der künftige Gesetzesbrecher das Licht der Welt erblickt, der
Straftatbestand nebst Sanktion in der Regel ebenso bekannt ist wie Diagnose und
Therapie einer Krankheit. Warum, so fragen sich die Einrichter von Haft- wie
Krankenanstalten, sollen die entsprechenden Institutionen dann nicht auch an
der Normalität des Lebens partizipieren und von ihr profitieren? Viele
Krankenhäuser belasten daher nicht mehr die öffentlichen Kassen, sondern
erwirtschaften nach ihrer Umwandlung in Servicebetriebe für Kranke sogar
Gewinne, an denen die Verwaltungschefs und Chefärzte unmittelbar beteiligt
sind.
Auch die Gefängnisse und
Zuchthäuser, heute liebevoll Justizvollzugsanstalten (JVA – erinnert irgendwie
an das Kürzel für Jugendherbergen) genannt, wollen sich nicht dem Trend der
Zeit verschließen.
In Ratingen soll der erste
NRW-Knast „nach dem Prinzip der Publik-Private-Partnership gebaut und geführt
werden.“ (RP, 10.3.) Teilbereiche des Knastbetriebes wie Kantine und Verwaltung
werden hier von privaten Unternehmen geführt und sollen Gewinne abwerfen.
Errichtet wird der Knast auf
einem Gelände, das für Gewerbeansiedlung vorgesehen ist. Und da fängt der
Streit mit der Stadt Düsseldorf an. Diese will nämlich ihr Knastgelände an der
Ulmenstraße leerräumen, um mit dem „Filetstück in City-Randlage“ einen „ganz
großen Wurf für die innerstädtische Entwicklung im Stadtteil Derendorf“
umzusetzen. (ebd)
Die Ratinger hingegen können
sich auch eine bessere Verwendung ihres Baulandes vorstellen und lehnen die
Errichtung des Knastes ab. Aber Justizminister Gerhards leistet
Überzeugungsarbeit und beweist den Querulanten aus Ratingen, dass sie nicht gut
gerechnet haben: „Auch eine JVA sei ein Wirtschaftsfaktor, sie schaffe
Arbeitsplätze (über 400 Menschen werden dort 845 Insassen ‚betreuen’), im
Umfeld profitierten die unterschiedlichsten Zulieferer vom Betrieb des Knastes.
Nicht zu unterschätzen, so ein Hinweis aus Justizkreisen, seien auch die vielen
tausend Besucher, die pro Jahr anreisten. Sie kaufen ein, gehen essen,
übernachten in der Nähe.“ (ebd.)
Durch die Unterwerfung aller
Bereiche des menschlichen Lebens im Kapitalismus unter das Einsatz-Gewinn-Prinzip
verliert die Besonderheit des jeweiligen Umgangs mit Menschen an Bedeutung. Dem
Kapital ist es gleichgültig, ob es in einer Schuhfabrik, einem Knast oder einem
Krankenhaus investiert wird. Lediglich die Rendite macht den Unterschied aus.
So können Maßnahmen zur Gesundung in Krankenhäusern durchaus kommensurabel sein
mit der Brechung des menschlichen Willens durch den Freiheitsentzug in den
Gefängnissen oder der industriellen Fertigung von Mikrochips.