
Die Bewegung
der
radikalisierten Sozialarbeiter
Alles
umsonst!
In
vielen Städten und Gemeinden sprießen
„Umsonst-Kampagnen“ aus dem Boden. Voraussichtlich werden diese zum
absoluten
Renner innerhalb der linken Gemeinden zum Ende des Jahres 2004. Grund
genug,
sich einmal näher mit diesem Phänomen zu beschäftigen.
Umsonst-Kampagnen
und Aneignungsbewegungen
Bundesweit werden
im linken
Lager „Umsonst-Kampagnen“ gestartet oder „Aneignungsbewegungen“
initiiert,
deren Anliegen es ist aufzuzeigen, „dass bestimmte menschliche
Bedürfnisse zum
Leben dazugehören und daher für jeden erfüllbar sein müssen.“1 Sehr
bescheiden mutet das Anliegen der Sozialrevolutionäre an, bekommt aber
durch
die Art und Weise der Durchsetzung und den internationalen Touch so
etwas wie
eine neue, weltumspannende Strategie des Klassenkampfes: „So sind
‚Aneignungsbewegungen’ unterschiedlicher Art weltweit zu beobachten,
sei es in
Venezuela oder in Ciapas, in Argentinien oder Brasilien, Indien,
Hamburg oder
Berlin.“ 2 Der bloße Hinweis auf eine Bewegung ohne eine
Untersuchung der Ursachen und Folgen legitimiert das eigene politische
Tun,
weil alles irgendwie unter dem Begriff „Aneignung“ zu subsumieren ist.
Dass die
Fabrikbesetzer in Argentinien mit niedrigen Löhnen, absoluter
Flexibilität und
sonstigen Feinheiten, die das Lohnarbeiterdasein zu bieten hat, in die
kapitalistische Konkurrenz eintreten, die Landlosen in Brasilien, wenn
sie
Felder besetzt haben, mit den Großgrundbesitzern und deren
Maschinenpark
mithalten müssen 3 – denn
erst auf dem Markt, wo sich die Konkurrenzsubjekte als Gleiche
gegenübertreten,
erweist sich, ob sich die Produktion überhaupt gelohnt hat *
-,
interessiert die Begutachter weniger in der Hinsicht, ob der Aufstand
sich
gelohnt hat, sondern vielmehr, dass ein Lernprozess stattgefunden haben
könnte.
„Wichtig sind dabei vor allem die Erfahrungen von Aneignung in
kollektiver
Form.“ heißt es entsprechend bei Azzellini.
Pädagogik
des Widerstands
Seit über 150
Jahren schlagen
sich Linke mit dem Problem herum, dass das auserkorene Subjekt der
Revolution,
das Proletariat, von jener offenbar nichts wissen will. Anstatt den
Grund für
die Bindungen des Lohnarbeiters an das sie schädigende System zu
untersuchen
und in der Agitation die schlechten Gründe für das Festhalten am
Lohnarbeiterdasein zu kritisieren, versucht ein Teil der Linken, dem
vermeintlich revolutionären Subjekt als Wegweiser seines Glücks zu
dienen.
Bei der ständigen
Suche nach
Ansatzpunkten, um sich dem gemeinen Volke anzubiedern, trifft man auf
das
Phänomen, dass der eine oder andere Volksgenosse mit seiner Knete vorne
und
hinten nicht zurecht kommt. Die Beobachtung, dass überall geklaut und
betrogen
wird, interpretiert man voluntaristisch als Berührungspunkt mit der
Perspektive
der Aufhebung der kritisierten gesellschaftlichen Verhältnisse, denn
„politisch
subversiv werden diese Formen der Aneignung … durch den Übergang von
der
individuellen zur kollektiven Aneignung …“ 4 Die neue linke
Bewegung
verhilft so dem vermeintlichen Bedürfnis nach Aneignung
gesellschaftlichen
Reichtums auf die Sprünge, indem sie es einfach vormacht. Kollektiv
fährt man
„schwarz“ mit öffentlichen Verkehrsmitteln, geht „bargeldlos“
einkaufen,
pfuscht sich durch die Hintertür in kulturelle Veranstaltungen. Die
öffentliche
Reaktion geht über die Duldung linken Spinnertums, über
verständnisloses
Kopfschütteln bis hin zur Kriminalisierung. Die Beachtung der Aktionen
– wie
sie auch immer ausfällt – wird von den Aktivisten in jedem Falle
positiv bewertet.
Erstere Reaktion wird als verhaltene Zustimmung betrachtet, letztere
getreu dem
Motto des alten chinesischen Revolutionärs: „Wenn der Feind uns
bekämpft ist
das gut und nicht schlecht“ als Bestätigung der Gegenseite
interpretiert, dass
die Aktionen an den Grundfesten der Gesellschaft rütteln. Da aber die
Aktionen
nicht über symbolträchtige Events hinausgehen, mag der Spaß noch
gewährleistet
sein.
Selbstzufrieden
kann die
linke Gemeinde nach erfolgreicher Aktion der Einbildung frönen, einen
kleinen
Schritt in Richtung Veränderung - was
auch immer das sein mag – getan zu haben.
Dabei sind Klauen
und
Betrügen, ob individuell oder kollektiv, Wesensmerkmale einer
kapitalistischen
Konkurrenz, die dem Umstand geschuldet ist, dass der ökonomisch
Unterlegene
trotzdem auf seine Kosten kommen will. Daraus eine Strategie zur
Veränderung
der Gesellschaft zu entwickeln ist eine Kunst, die den
Formulierungskünsten von
linken Soziologen, Politologen und Sozialwissenschaftlern vorbehalten
bleibt.
Theorie
des Widerstandes
Die Notwendigkeit,
eine neue
Strategie des Klassenkampfes zu entwickeln, wird aus der veränderten
weltpolitischen und ökonomischen Lage begründet, die durch
Neoliberalismus und
die in Folge grundlegende Transformation des Staates gekennzeichnet
ist. „Seine
Funktion als Ordnungs- und Wettbewerbshüter treten deutlicher zu Tage,
seine
sozialpolitischen Funktionen werden zurück gedrängt.“, heißt es bei der
Vorbereitungsgruppe zum buko-Kongress. 5 Einerseits erhält
die alte
Ordnung den sozialpolitischen Heiligenschein, schließlich sei es der
auf die
Versorgung der Bevölkerung angekommen, und die neue Ordnung lasse dies
vermissen. Die Funktion von Sozialpolitik im Kapitalismus, ein
funktionsfähiges
Proletariat zu erhalten, wird nicht benannt oder einfach ignoriert.
Tatsächlich
hat sich in den letzten Jahren so einiges verändert. Aber diese
Veränderungen
entsprechen genau den „sozialpolitischen Funktionen“ des Staates: Immer
weniger
Arbeitskräfte werden für eine immer produktivere Ökonomie vernutzt. Für
eine
ordentliche Mehrwertproduktion müssen diese immer mehr und intensiver
arbeiten.
Gleichzeitig wird der Kostenaufwand für den überflüssigen Rest der
Arbeitsmannschaft drastisch reduziert. Dies wirkt einerseits
erpresserisch auf
die Betroffenen, denn sie sind gezwungen, zu jedem Preis eine Arbeit
anzunehmen. Andererseits werden diejenigen, die noch Arbeit haben,
durch die
industrielle Reservearmee derart unter Druck gesetzt, dass sie – zwar
mit
einigem Murren – jeder Arbeitszeitverlängerung und Lohnkürzung
zustimmen.
Die Ignoranz
gegenüber den
tatsächlichen Veränderungen und die Verklärung der alten Verhältnisse
sind
Wesensmerkmale der neuen linken Bewegung. Inhaltlich fordert sie nicht
mehr,
als die Sozialhilfe ihrem Anspruch nach bislang und auch in Zukunft
gewährleistet: „Der notwendige Lebensunterhalt umfasst insbesondere
Ernährung,
Unterkunft, Kleidung, Körperpflege, Hausrat, Heizung und persönliche
Bedürfnisse des täglichen Lebens. Zu den persönlichen Bedürfnissen des
täglichen Lebens gehören in vertretbarem Umfang auch Beziehungen zur
Umwelt und
eine Teilnahme am kulturellen Leben.“ 6 Wie
schön passen doch die Forderungen der zu
Beginn des Textes erwähnten Dresdner Umsonst-Gruppe mit den
Formulierungen der
staatlichen Sozialgesetzgebung überein! Nur das Outfit und das radikale
Auftreten unterscheiden die linken Aktivisten vom engagierten
Sozialarbeiter.
Reaktionär wird die
Bewegung,
wenn sie sich explizit gegen den Klassenkampf ausspricht: So meint
Azzellini:
„Die Zeiten des ‚radikalen Bruchs’ sind vorbei …“ 7 und
diffamiert
den „theoretisch versierten Kapital-Lesezirkel“, dieser wolle sich die
Hände
nicht schmutzig machen, denn die „Realität ist nicht so sauber wie
Papier“.
Etwas netter drückt sich die Kasseler Vorbereitungsgruppe zum
buko-kongess aus:
„Im Rahmen dessen muss auch Theorie einen anderen Stellenwert erhalten.
Die oft
beklagte Theorielosigkeit der aktuellen Bewegungen ist vor allem mit
einer
Abneigung gegen einen autoritären Theorietypus verstehbar. Dieser
‚wusste’
nämlich schon immer, welcher Weg einzuschlagen sei. So verlor er häufig
das,
was eine Theorie der Befreiung auszeichnen könnte: Die jeweiligen
Verhältnisse
‚auf den Begriff’ zu bringen, sie verstehbar zu machen in ihren
stabilen und
brüchigen Momenten und damit den unterschiedlichen Praxen Reflexion und
Kraftquelle zu sein.“ 8
Schon unsere Eltern
und
Lehrer wussten uns zu belehren: Ihr habt ja eine schöne Theorie, aber
wie soll
das denn funktionieren?! Und die Frage war auch gleichzeitig die
Antwort.
Theorie ist richtig
oder
falsch. Entweder wird der Gegenstand der Untersuchung richtig
analysiert oder
nicht. Der diffamierende Verweis auf den „autoritären Theorietypus“
oder den
„Kapital-Lesezirkel“ erweist sich als reaktionäres Totschlagargument,
das inhaltlich
zwar nur puren Unsinn bietet, aber mit Sicherheit den Schreiber dieser
Zeilen
treffen wird!
Geschichte
des Widerstandes
Die Einbindung in
eine
weltweite Bewegung ist die eine Voraussetzung, Anerkennung innerhalb
der linken
Gemeinde zu erheischen. Die andere ist der Bezug auf historische
Wurzeln.
Am 31. Dezember
1946 hielt
der in Neuss geborene und aufgewachsene Joseph Frings als Erzbischof
und
Kardinal von Köln eine Aufsehen erregende Rede. Die zentrale Aussage,
die bei
der rheinländischen Bevölkerung großen Beifall fand, lautete
folgendermaßen: "Wir leben in Zeiten, da in der Not
auch
der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens
und
seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch
seine
Arbeit oder durch Bitten, nicht erlangen kann."
Der
Kardinal reagierte damals auf den Abtransport deutscher Kohle durch
ausländische Besatzungskräfte, der dem deutschen Volkskörper frostige
Zeiten
einbrachte. Die Plünderung von Kohlenzügen wurde liebevoll mit dem Verb
„fringsen“ beschrieben, das heute dem Rheinländer noch wohl in den
Ohren
klingt.
1 Dresden. Umsonst – in „die zeitung zum buko
27
Kongress 20. – 23. mai in kassel“, Beilage zu Contraste April 2004
2 Soziale Umwälzung von unten“ von Dario
Azzellini, in
iz3w Juni/ Juli 2004, zitiert nach alhambra Juli 04
3 vgl. Stephan Günther: „Ein bisschen mehr
Bescheidenheit!“ in iz3w a.a.O.
* Falls überhaupt die Absicht oder Möglichkeit
besteht,
mit der regulären Wirtschaft in Konkurrenz zu treten, und nicht
lediglich die
Aktionen dem puren Überleben dienen sollen.
4 Azzellini a.a.O.
5 die zeitung zum buko 27 kongress a.a.O.
6 Sozialgesetzbuch, Zwölftes Buch, § 27 in der
Neufassung vom 27. Dezember 2003, gültig ab 1.1.2005
7 Dario Azzellini a.a.O.
8 die zeitung zum buko 27 kongress, a.a.O.