
Ein paar Hinweise in Sachen "Menschlichkeit" beim Schlachten.
Amerikanische Soldaten misshandeln Gefangene. Eine wirkliche
Überraschung
kann das kaum sein. Aber jetzt ist es mal in aller Deutlichkeit
vorgeführt
worden - und rund um den Globus kann sich empört werden. Da hat man die
Amis
bei was besonders Schlimmem erwischt - schlimmer als der Doppelpack von
"shock and awe", mit dem sie täglich den Irak, und nicht nur den,
überziehen, mit dem sie die Bevölkerung terrorisieren und wobei sie
nicht zu
knapp Tote produzieren. Sicher, Kritik gibt es daran auch, nämlich von
Regierungen, die den politischen Zweck dieses Krieges nicht teilen -
und viele
ihrer Bürger schließen sich dem an, weil sie mit dem weltpolitischen
Ordnungsanspruch und der Vormachtstellung, die die USA damit
beanspruchen, nicht
einverstanden sind - aber die Kriegsopfer, die dabei anfallen, die
gehen
irgendwie als "normal" durch, die taugen offensichtlich nicht als
Material für einen so weltweiten Skandal, wie er nun entstanden ist. In
wirklichen Misskredit haben sich die USA gebracht, weil sie die
"Grenzen
einer zivilisierten Kriegsführung" überschritten haben. Diese Grenzen
sind
niedergelegt in der Genfer Konvention, und gegen die soll sich die mit
Abstand
größte zivilisierte demokratische Macht einen Rechtsverstoß geleistet
haben.
Und die USA sehen sich genötigt, sich zu rechtfertigen. Wenn den im
Gefängnis
Abu Ghraib festgehaltenen und von US-Soldaten bewachten Irakern der
Status von
Kriegsgefangenen zukommt, dann soll der einschlägige Paragraph verletzt
worden
sein, in dem es heißt: "Die Kriegsgefangenen sind jederzeit mit
Menschlichkeit zu behandeln". Den Gehalt dieser "Menschlichkeit"
muss man sich einmal klar machen.
Schon toll, worauf sich die Staaten für den Fall des Kriegs geeinigt
haben.
Wenn der gegnerische Soldat wehrlos ist, darf man ihn nicht mehr
schikanieren,
mit dem Tod bedrohen oder ihn gar umbringen - das wäre laut Genf
illegitime
Gewalt. Nicht illegitim, sondern das unbestrittene Recht der Staaten
ist es
hingegen, ein Riesensortiment an Kriegsgerät gegeneinander aufzufahren.
Da
handelt es sich um legitime, um notwendige Gewalt, die für den Zweck
eingesetzt
werden muss, den zum Feind erklärten Staat kampfunfähig, seine Waffen
wirkungslos zu machen. Dazu gehört ein möglichst massenhaftes Umbringen
seiner
Soldaten und der massive Terror gegen die "Zivilbevölkerung". Das
erfordert dann aber auch eine den Soldaten per Drill eintrainierte
Brutalität,
die Kriegsmittel, die man ihnen in die Hand gibt, sachgerecht also ohne
Rücksicht
auf sich und erst recht nicht gegen das menschliche Inventar des
Feindes
anzuwenden. Die daraus notwendigerweise folgende Gewaltorgie unterliegt
keiner
Konvention oder Beschränkung, schließlich geht es ja um ein
allerhöchstes
Recht: Bewahrung und Durchsetzung der staatlichen Souveränität gegen
andere
Staaten. Rückblickend macht das noch einmal klar, warum der Welt an der
"gewöhnlichen" Kriegsführung der USA im Irak was wirklich Skandalöses
nicht auffallen will.
Wie steht es nun mit der "Menschlichkeit", die man dem Gefangenen
entgegenbringen soll? Es handelt sich dabei um eine alternative
Methode, den
Gegner zu entwaffnen.. Das Angebot zur Kapitulation zieht ja nur, wenn
es die
Chance zum nackten Überleben enthält. Da setzt sich nicht plötzlich
mitten im
Krieg eine humanistische Ideologie durch, möglichst viele Menschenleben
zu
retten, sondern die nüchterne militärtaktische Berechnung, den Sieg mit
geringerem Aufwand erringen zu können. Deshalb eröffnete die
US-Luftwaffe den
Krieg gegen den Irak mit dem Abwurf von Flugblättern, die die
irakischen
Linien
zum Überlaufen aufforderten. Wer aufgibt, dem wird etwas versprochen:
Er wird
nicht mehr als das Kriegsmittel angesehen, das dem gegnerischen Staat
gehört
und das mit aller Brutalität bekämpft wird, man gesteht ihm ab sofort -
das ist
das "Menschliche" - den Status der Privatperson zu. Der wird freilich
nicht mehr versprochen als nicht gleich umgebracht zu werden. Dass
dieses
Versprechen angesichts der unberechenbaren "Kriegswirren" oft genug
nicht
eingehalten werden kann, ist bekannt. Im Prinzip muss es aber gelten:
Sonst
geht ja die Berechnung, die dieser "Menschlichkeit" zugrunde liegt,
nicht auf und der feindlichen Soldaten angebotene Grund, sich zu
ergeben, würde
entfallen.
Die Genfer Konvention ist also nicht aus humanistischen Erwägungen von
Staaten
geboren: Ihre Selbstverpflichtung auf einen "menschlichen" Umgang mit
Kriegsgefangenen verdankt sich allein der Logik der Kriege, die sie
gegeneinander führen. Dazu gehört eine über die Behandlung von
Kriegsgefangenen
hinausgehende Rücksichtnahme auf die "Zivilbevölkerung", also auf den
nicht unmittelbar kriegsrelevanten Teil des feindlichen
Menschenmaterials. So
der "Grundsatz" der Genfer Konvention:
"Personen, die nicht unmittelbar an den Feindseligkeiten teilnehmen,
einschließlich der Mitglieder der Streitkräfte, welche die Waffen
gestreckt
haben, und der Personen, die durch Krankheit, Verwundung, Gefangennahme
oder
irgendeine andere Ursache außer Kampf gesetzt sind, werden unter allen
Umständen mit Menschlichkeit behandelt...".
Leuten, die im Krieg absehbar zum Opfer des wohl kalkulierten totalen
Einsatzes
militärischer Gewalt werden, soll also ein grundsätzlicher Rest an
Respekt vor
ihrem Leib & Leben zugestanden bleiben. Auf diesen Respekt kann man
zwar in
der Praxis des Krieges nicht immer Rücksicht nehmen. Oft genug wird die
so
genannte "unbeteiligte Zivilbevölkerung" zum Kolalateral-Schaden. Und
bisweilen erfordert es die Strategie, dass ganze Städte eingeäschert
und
Landstriche "entlaubt" werden müssen, um der feindlichen Truppe das
"Hinterland" zu nehmen oder um ihre "Moral" zu erschüttern,
sprich: den Feind zur Aufgabe zu nötigen. Trotzdem: Grundlose
Vernichtung,
überflüssige oder exzessive Gewalt soll unterbleiben; das soll
wenigstens helfen,
"die Grausamkeiten und das Leid des Krieges zu lindern". Obwohl es
vor allem die feindliche Bevölkerung ist, die unter dem Krieg leidet,
soll er
keinesfalls gegen "die Menschen" im Staatsgebiet des Kriegsgegners
gehen. Der Krieg wird von einer Nation gegen die andere geführt und es
geht
darum, sich deren staatliche Souveränität gewaltsam zu unterwerfen- und
quasi
bedauernd wird den Insassen der betroffenen Nation mitgeteilt, dass sie
"nur" in Mitleidenschaft gezogen werden, weil sie, gewollt oder
ungewollt, ein Werkzeug der feindlichen Staatsgewalt sind. Die
Zerstörung ihrer
Lebensmittel, Gesundheit und vieler Leben ist zwar unvermeidlich, hat
sich aber
laut Genfer Konvention auf das Notwendige zu beschränken, also das, was
eine
Kriegspartei für den Sieg braucht.
Die freiwillige moralische Selbstkontrolle, auf die sich die
Kriegsherren
selbst verpflichten, ist keine Revision der Kriegsentfesselung, die sie
- auch
und gerade in moralischer Hinsicht - zuvor betrieben haben. Ihre
eigenen
Soldaten haben sie nämlich mit dem Auftrag zur rücksichtslosen
Vernichtung
losgeschickt. Für das gute Gewissen, für die innere Überzeugung, für
eine
effiziente Auftragserfüllung hat man sie mit einem Feindbild
ausgestattet, das
nicht nur der gegnerischen Herrschaft jede Menge unfassbarer
Unmenschlichkeit
attestiert, sondern auch das dortige Volk sehr schlecht aussehen lässt:
Immerhin hat es seiner unerträglichen Herrschaft zumindest erlaubt,
sich seiner
als Manövriermasse zu bedienen, und es hat damit die Herrschaft zu
ihren
Untaten befähigt, also ist es auch nicht schade darum, wenn es
vernichtet wird,
und es hat nichts besseres verdient.
Wenn es gleichzeitig - und vor allem mit Beendigung des Krieges - die
Rückbesinnung auf die Abteilung Menschenrecht und Genfer Konvention
gibt, gemäß
derer es sich auch beim Personal des Feindes letztendlich auch noch um
"Menschen" handelt, denen ein Rest an "Menschlichkeit"
zusteht, und deshalb Anweisungen an die eigene Mannschaft ergehen, beim
Umbringen der gegnerischen doch auch auf deren "Menschlichkeit" zu
achten, dann ist das einerseits eine Absurdität. Andererseits hat
dieser
kriegsmenschenrechtliche Zynismus seinen sehr berechnenden Grund, der
aus dem
Kriegsziel folgt: So sehr das Menschenmaterial des gegnerischen Staates
zum
Opfer gemacht wird und gemacht werden muss, so sehr sind diese
Menschen, die
man als ‚Material des Feindstaates' malträtiert, eben auch bloß
Menschenmaterial einer Staatsmacht, also Leute, die anderen Diensten
zugeführt
werden können, wenn ihre Staatsmacht vernichtet ist. In diesem Sinne
sind die
Irakis "befreit" worden. Ohne Saddam sind sie Privatpersonen, die
einer Wiederverwendung zugeführt werden sollen, und zwar einer, die
ihnen die
USA für ihre Zwecke aufherrschen wollen. Darauf muss mitten im
Vernichten
geachtet werden, und deshalb gibt die politische Führung den zum
Abschlachten
losgeschickten Soldaten neben der Siegesparole auch noch die Ermahnung
mit,
beim Feind handle es sich letztendlich auch noch um Menschen. Die
eigene
Soldateska, die man zur Bestialität angehalten, ausgebildet und
ermuntert hat,
muss schließlich - spätestens, wenn der Krieg zu Ende ist -
re-zivilisiert
werden; sie muss lernen, dass die Lizenz zum Töten und anderen
Schweinereien
nur bedingt und befristet ausgestellt wird und nur im Namen der hohen
nationalen
Sache und zu deren Nutzen. Das gibt bekanntlich der Moral, wie ihrem
Sitz, der
Seele, bei vielen Soldaten manche Nuss zu knacken auf.
Die Frage ist nun: Ist dieser Rückruf, diese Re-Zivilisierung bei den
US-Soldaten im Irak schief gegangen? Es gibt ja sogar die Behauptung,
die
oberste Führung habe da ganz bewusst geschlampt. Vielleicht ist es aber
auch
so, dass das ganze Aufregung um die Genfer Konvention und - angebliche
-
US-Verstöße dagegen sachfremd ist, gar nicht zu dem Krieg, den die USA
führen
und für den sie sich ein ganz eigenes Recht ausarbeiten, passt.
Die Analyse des
GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora vom 17. Mai 2004
Wieso foltern die westlichen Freiheitskrieger im Irak und warum soll
das
schlimmer sein als der ganze Krieg? http://www.gegenargumente.de/folter_lora.htm