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Zwei Tage vor dem 1. Mai, da die Lohnabhängigen ihre Daseinsberechtigung
feiern und diese mit lautstarken Forderungen an die für sie zuständige
Regierung untermauern, beendeten für zwei Angehörige der arbeitenden
Klasse umstürzende Kräne die Pflicht, dem Kapital die Knochen hinzuhalten.
An einer Baustelle für ein Fünf-Sterne-Intercontinental-Hotel an
der Kö plumpsten zwei Kräne in die Baugrube, wobei es dem einen
Kranführer noch gelang, durch ein waghalsiges Manöver den ersten
umstürzenden Kran von einer umfangreichen Beschädigung des anliegenden
Bildungstempels, dem Görres-Gymnasium, abzuhalten. Resultat: Zwei Arbeiter
aus Bosnien, die in Herne wohnen, wurden erschlagen, weitere verletzt. Es
entstand ein Sachschaden von rund einer Million Euro.
Bei den Gesamtkosten des Objekts in Höhe von rund 168 Millionen Euro
für eine Luxusunterkunft mit 290 Zimmern und Suiten, einem Restaurant
und einer Hotelbar, Konferenzräumen, einem Ballsaal für bis zu 800
Personen und sonstigem Schnickschnack, wie z.B. einem riesigen Wellness-Club,
hält sich Schaden noch in kalkulierbaren Grenzen.
Arbeit muss preiswert sein!
Die sachverständige Abwicklung des Unfalls wurde umgehend in bewährte
Hände gelegt: Die Staatsanwaltschaft wird prüfen, ob es sich um
fahrlässige Tötung oder um fahrlässige Körperverletzung
gehandelt habe. Vielleicht werden Schuldige gefunden und haftbar gemacht.
Dabei muss allen Beteiligten bekannt sein, dass derartige Unfälle nicht
auf das Versagen Einzelner zurückzuführen sind, sondern Resultat
des knallharten, auf Rentabilität zielenden Konkurrenzkampfes der Bauunternehmen
ist. Sicherheitsvorschriften werden systematisch missachtet, Arbeitsschutz
ist ein Fremdwort.
Kennzeichnend für die Situation ist ein Bericht des hessischen Sozialministeriums
vom 1. August 2001 über den Kraneinsatz auf hessischen Baustellen, der
anlässlich eines schweren Kranunglücks in Frankfurt im Spätsommer
1999 erstellt wurde. Damals stürzte ein Turmdrehkran um und erschlug
drei Menschen in einer Kantine.
Daraufhin wurde auf 104 Baustellen die Kransicherheit überprüft
und die Ergebnisse so zusammengefasst: "Die Sicherheitsdefizite sind
vor allem auf mangelhafte Organisation zurückzuführen. Der Schwerpunkt
der Defizite lag im Bereich der Aufgabenübertragung sowie der Unterweisung
und Qualifikation der Mitarbeiter."
Im Einzelnen heißt es: "Die Auswertung zeigt, dass die Mängel
weniger technischer Natur waren, sondern durch Organisationsdefizite in den
Unternehmen entstehen. So fand auf der Mehrzahl der Baustellen keine organisierte
Unterweisung der Arbeitnehmer statt, was - gerade auch bei der Vielzahl ausländischer,
kaum deutsch sprechender Bauarbeiter - zu gefährlichem Fehlverhalten
führen kann. Auf mehr als 40 Prozent der Baustellen waren keine Verantwortlichen
für die Umsetzung des Sicherheits- und Gesundheitsschutzplanes benannt
- dieser aber ist ein wesentliches Handwerkszeug zur Vermeidung gegenseitiger
Gefährdungen und zur möglichst risikolosen Koordination der verschiedenen
Gewerke. Auf mehr als zwei Drittel aller untersuchten Baustellen war kein
Koordinator in der Planung bestellt, was präventiven Arbeitsschutz erschwert
und das Unfallrisiko erheblich erhöht.
Im Zusammenhang mit dem Ausgangspunkt der Aktion, dem Kranunfall in Frankfurt,
ist folgendes Ergebnis von Bedeutung: Auf 45 Prozent der Baustellen wurden
wesentliche Änderungen an Kranen nicht systematisch erfasst. Der verunglückte
Kran war mit einer besonders schweren Winde ausgestattet, die in die Berechnungen
zum Zentralballast nicht einbezogen worden war. Werden Änderungen am
Kran nicht schriftlich erfasst, können auch die mit den Änderungen
verbundenen Sicherheitsmaßnahmen (in diesem Fall ein fast doppelt so
hoher Zentralballast) nicht beachtet werden - und das kann tödliche Folgen
haben." (http://www.sozialnetz-hessen.de/arbeitsschutz/kran.htm?csok=1)
Sorgen machte sich das Sozialministerium nicht wegen der paar Toten in Frankfurt,
sondern weil es sich bei der Baubranche um die "unfallträchtigste
Branche der gewerblichen Wirtschaft" (ebd.) handelt. Zwar sieht der Staat
mit Genugtuung, wie sich die Unternehmer immer neue Tricks einfallen lassen,
die Kosten für die Arbeitskraft zu minimieren, um so die Gewinne zu steigern,
jedoch mag er nicht mit ansehen, wie gleichzeitig seine nationale Arbeitskraft
ruiniert und so die gesamte Volkswirtschaft geschädigt wird. Darum greift
er wohl kalkuliert in den Arbeitsprozess ein und verfügt per Gesetzesverordnung
Grundregeln zur Arbeitssicherheit, deren Einhaltung er rücksichtsvoll
gegenüber den Unternehmern kontrolliert. Schließlich will er auch
nicht durch übereifriges Handeln den Geschäftsablauf stören.
Mörderische Arbeitsbedingungen auf der einen, gesetzliche Regelungen
dagegen auf der anderen Seite ergänzen sich. Die Institution der Gewerbeaufsicht
und die Berufsgenossenschaften selbst sind Belege dafür, dass immerwährend
es für die Unternehmer gute Gründe gibt, gegen die gesetzlichen
Regeln des Arbeitsschutzes und der Arbeitssicherheit zu verstoßen.
Die geistige Elite verarbeitet das Unglück.
Zwei Tage frei gab es für die Schüler des angrenzenden Görres-Gymnasiums.
Jubelschreie jedoch waren von den Pennälern in den WDR-Interviews nicht
zu hören. Vielmehr zeigten sie sich tief betroffen von den Ereignissen
in ihrer Nachbarschaft. Mit schönen Worten bekundeten sie ihr Mitgefühl
gegenüber den Opfern der Katastrophe und deren Angehörigen. Auch
schätzten sie sich glücklich, dass ihre Schule nicht noch ärger
von dem Unfall betroffen war.
Die Schüler haben sich die Note "Eins" verdient. Schließlich
beherrschen sie die Kunst der öffentlichen Heuchelei. Anstatt sich auf
die Suche nach den Gründen des Unfalls zu begeben und diese gegebenenfalls
anzuprangern, beschränken sie sich in der Kundgabe ihrer Anteilnahme,
als sei ein fürchterliches Naturereignis auf die betroffenen Arbeiter
hereingebrochen, das keiner gewollt geschweige denn angezettelt hat.
Die Freude über den Erhalt ihrer Schule kann durchaus echt sein. Diese
befähigt nämlich ihre Klientel, in Zukunft die Planung, Organisation,
Kontrolle und ideologische Begleitung der gewinnträchtigen und gesundheitsgefährdenden
Arbeitsprozesse zu übernehmen. In die Verlegenheit, später sich
den Gefahren des Proletenlebens auszusetzen, werden sie wohl kaum kommen,
wenn sie ihre Lektionen gut gelernt haben.
Nachtrag:
Ein Tag nach dem Kranunglück knallte es mächtig in der Gerresheimer
Glashütte und acht Arbeiter mussten verletzt herausgetragen werden. Im
Gymnasium geht das Gerücht um, ein Thema des nächsten Abituraufsatzes
solle lauten: "Rentabilität und Arbeitsschutz. Diskutieren Sie Möglichkeiten
und Grenzen!"
Business as usual.
Eine katastrophale Unsitte:
BETROFFENHEIT
Die Zuschauer bei Katastrophen
erwarten zu Unrecht,
daß die Betroffenen daraus lernen
werden. Solange die Masse
das Objekt der Politik ist,
kann sie, was mit ihr geschieht,
nicht als einen Versuch,
sondern nur als ein Schicksal ansehen;
sie lernt so wenig
aus der Katastrophe,
wie das Versuchskarnickel
über Biologie lernt.
(Bertolt Brecht, Anmerkungen zu "Mutter Courage und ihre Kinder")
Wenn Betroffene ihr Leid klagen, appellieren sie an die Verantwortlichen,
dass die sich um ihre Sorgen und Nöte zu kümmern haben. Das hat
mit Kritik der Verhältnisse, unter denen jemand zu Schaden gekommen ist,
nichts zu tun und bildet auch nicht den Auftakt dazu.
Besonders ärger ist es, wenn Menschen, die mit den "Betroffenen"
persönlich nichts am Hut haben, mit Leidensmiene öffentlich ihre
Betroffenheit demonstrieren. Sie gehören zu der ideologischen Propagandaabteilung
des Ladens, der ständig das Leid produziert und dieses als quasi Naturschicksal
verkauft.
www.neusser-monat.de (11.5.2003)