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Skandalöses ward in der Rheinischen Post vom 5. März beziehungsweise
tags zuvor in der Lokalausgabe "Neuss-Grevenbroicher Zeitung" zu
lesen. Die Beamten im Neusser Rathaus haben seit Jahren Millionenbeträge
gehortet und den Volksvertretern nichts davon verraten.
Die Redaktion des Neusser Monat sprach mit dem Experten für kommunale
Finanzierungen und politische Ökonomie, Dr. polök. Ewald Schnitzler
(Ost-Berlin), über den Sachverhalt.
NM: In Neuss sind plötzlich 34 Millionen Euro aufgetaucht, die durch
Grundstücksgeschäfte der Stadt erwirtschaftet worden sind.
E.S.: Das ist ja ´ne Menge Holz. Wie viele Einwohner hat denn
Neuss?
NM: So ungefähr 150 000.
E.S.: Na, das macht ungefähr 230 Euro pro Nase. Ein hübsches
Sümmchen, da kann man schon was mit anfangen.
NM: Wie meinen Sie das?
E.S.: Ganz einfach: Die Stadt soll jedem Bürger seinen Anteil
auszahlen, und jeder wird sich freuen. Wenn man es ganz gerecht machen will,
kann man den richtig Armen ein bisschen mehr auszahlen und die Reichen leer
ausgehen lassen.
NM: Das ist doch wohl ziemlich utopisch. Schließlich soll das Geld
dem Allgemeinwohl zur Verfügung stehen und nicht den Einzelnen bereichern.
E.S.: Jetzt muss ich mal was theoretisch werden. Sie machen hier einen
Gegensatz auf zwischen dem Allgemein- und dem Einzelwohl. Im Klartext heißt
das, wenn das Einzelwohl bedient wird, erleidet das Allgemeinwohl Schaden.
Und umgekehrt. Das stimmt und trotzdem ist das "Allgemeinwohl" nichts
Abstraktes. Die Stadt bemüht sich, den Laden attraktiv zu machen für
diejenigen, die das Geld in die Stadt bringen. Früher wurden solche Leute
"Kapitalisten" genannt. Da wird vor allem die Infrastruktur auf
Vordermann gebracht. Straßen werden gebaut, gute Schulen eingerichtet,
ein konkurrenzfähiges Kulturprogramm wird auf die Beine gestellt, hübsche
Wohngegenden für die Führungskräfte werden angeboten und so
weiter. Weil das viel Geld kostet, muss natürlich auch irgendwo gespart
werden. Und da bieten sich zunächst die Leute an, die zum "Allgemeinwohl"
nichts beitragen: Die Arbeitslosen, Sozialhilfeempfänger, Asylbewerber
etc. "Allgemeinwohl" heißt nicht, dass jeder davon einen Nutzen
hat.
NM: So einfach können Sie es sich aber nicht machen. In der tiefschwarzen
Neuss-Grevenbroicher Zeitung werden Vorschläge zur - unserer Meinung
nach - korrekten Verwendung der Gelder gemacht. Da meint ein CDU-Fraktionsmitglied,
dass "jahrelang über den Sanierungsstau an Neusser Schulen"
diskutiert wurde "und seit Jahren sind große Finanzmittel vorhanden."
(NGZ, 5.3.) Oder der radikale Grüne und Ex-Hausbesetzer Michael Klinkicht
bemerkt: "Wir fordern zusätzliche Hortplätze und die Verwaltung
behauptet, die Stadt habe kein Geld." (ebd.) Selbst der NGZ-Kommentator
K. D. Schumilas klagt: "Während irgendwo Millionen schlummern, flattern
ihm (dem Bürger, NM) teure Gebührenrechnungen ins Haus mitsamt schlappen
Rechtfertigungen von Verwaltung und CDU-Mehrheitsfraktion." (ebd.) Da
gibt es doch wohl eine breite Front, die sich für die Verwendung der
freien Mittel im Sinne der Bürger einsetzen.
E.S.: Irgendwo ist das doch ganz schön witzig. Im laufenden Haushalt
der Stadt, der ja auch über viele Millionen verfügt, hat es für
die benannten Projekte kein Geld gegeben - eben mit dem Hinweis auf vorrangige
Aufgaben. Wieso - muss ich die Gegenfrage stellen - beziehen Sie den Optimismus,
dass die zusätzlichen Einnahmen nun den bezeichneten Projekten zufließen?
NM (kleinlaut): War ja nur so `ne Frage. Radikal wird der Chef der Fraktionsgemeinschaft
Unabhängige/PDS, Gerhard Quentin. Er spricht von einem "unheimlichen
Betrug an den Bürgern" und meint "Die 34 Millionen sollten
vermutlich in Wahlkampfzeiten für besondere Wohltaten eingesetzt werden."
Was halten sie von dieser Äußerung?
E.S.: Ist der von der PDS?
NM: Früher war der mal der Fraktionschef der SPD. Hat da Schiffbruch
erlitten und hat seinen eigenen Verein, die Unabhängigen, gegründet.
Die sind dann mangels Masse mit der PDS zusammengegangen.
E.S.: Ich meine, das hätte auch von der PDS kommen können.
Wir haben da einschlägige Erfahrungen in Berlin. Gelder für "Wohltaten"
rauszuschmeißen, disqualifiziert eben jeden Politiker.
NM: Wir danken Ihnen für dieses Gespräch!
www.neusser-monat.de (5.3.2002)